ed2murrow

Europa ist mitten unter uns

03 Warum Momentaufnahmen?

with one comment

     Als ich mich entschloss, den ersten Artikel dieses Blogs so  zu bezeichnen, war das in einer unbewußten Assoziation zu einem Apparat aus meiner Jugend, der Polaroid Sofortbildkamera. 

     Wenn ich eine dieser unbearbeiteten Aufnahmen betrachte, deren Farben allmählich verbleichen und die keinerlei Aufschriften tragen, wo, wann, von wem, dann suche ich unwillkürlich nach Details, die mir mehr über die Umstände Auskunft geben können. Und das ist gerade bei diesen Photos besonders schwer: Sie sind aus einer momentanen Laune heraus geboren und entwickelt (so ganz anders als die „normale“, sprich nicht digitale Photographie, wo sich der, der es sich leisten konnte, sozusagen als Vorauswahl Kontaktabzüge fertigen ließ, übrig blieben die anerkannt „schönen“ Bilder), besitzen so gut wie keine Tiefenschärfe und waren fast nie Gegenstand besonderer Sorgfalt bei der Aufbewahrung. Oder haben Sie etwa ein Familienalbum, das aus Polaroids besteht? Dass das Format dennoch so erfolgreich wurde, mag nicht zuletzt an der Privatheit des Entwicklungsvorganges gelegen haben. Es war dies das erste Mal, dass jede(r) alle(s) auf Bild bannen konnte, ohne eine hochgezogene Augenbraue im Photoladen um die Ecke zu riskieren. Die Nostalgiker des Apparates, die ihm heute zu einem Revival verhelfen wollen, verschweigen das natürlich. Das besonders künstlerische wird betont, der Retrohype des Analogen soll, so hat es den Anschein, tunlichst nicht mit Schmuddel in Beziehung gebracht werden. Warum auch, so höre ich im Geiste den Einwand, das besorgen Handy-Cams wesentlich schärfer. Sicher, entgegne ich, das Lebensgefühl von damals, als das Ding wirklich in Mode war, könnt Ihr aber nicht reproduzieren. Denn es hatte einiges mit „Liberation“ zu tun, nicht nur „Women’s“. Aber ich schweife ab. 

     Das Feststellen des wo, wann, von wem ist eine Reise in die Vergangenheit. Je klarer die Anhaltspunkte, desto komplexer die Struktur dessen, was man zu entdecken glaubt. Es ist eine Frage von Konzentration und Zeit, Erinnerungsfähigkeit (die verblasst) und Entdeckerlaune (die einschlafen mag). Geht man Zeitungsarchive durch, und die online werden dankenswerter Weise immer vollständiger, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ehedem das Geschriebene die Umstände genauer beschrieb, das wo, wann und vor allem wer klarer zur Geltung kam, man mit anderen Worten weniger Blätter vor den Mund nahm, auch wenn es manchmal vornehmer ausgedrückt wurde. Das „heute“ in den Medien erscheint plakativer, reißerischer, vieles ist nur mehr Sensation, Skandal, vor allem Spekulation in so dicken Lettern, dass die Tinte selbst durch den Bildschirm hindurch an den Händen kleben bleibt. Man photographiert instant und der Betrachter hat bereits am nächsten Tag Mühe, die Zusammenhänge zu enträtseln. Es verhält sich in gewisser Weise wie mit den Handy-Cams: Schnell draufhalten, aufnehmen, in den virtuellen Papierkorb kann man es immer noch entsorgen. 

     In diesem Sinne müsste ich eigentlich „Daguerreotypie“ titeln: Subjekte wie Objekte angeordnet scharf im Bild, wuchtiger Apparat, unpraktisch, lange Belichtungszeiten,. Aber damals posierte man, selbst die armen Schlucker, die ihr letztes Erspartes zum Photographen trugen, um dann auf einem abgewetzten  Möbel so etwas wie das Versatzstück einer erträumten Bürgerlichkeit aufzustellen. Aber das Abbilden von Posen liegt mir fern. Und Momentaufnahmen gefallen mir als Herausforderung besser.

Written by ed2murrow

19. August 2009 um 10:57

Eine Antwort

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  1. lieber e2m,
    momentaufnahmen sind das beste – und unbehauen sowieso. nie nachbearbeiten die fotos, höchstens mal das eine oder andere verdoppeln und betexten oder eine collage draus machen. das original redet selber, bei bearbeitung redet der bearbeiter.
    meine erste kamera war 1974 die agfa sensor 100. zur konfirmation. aber schon damals mit dem roten punkt.
    die revolution der digitalphotographie (mich überrollend im sommer 2000) macht viel schönes möglich. sie macht photographieren produktiv, subjektiv, und freilich billig. but, i like it.
    herzliche grüße
    ihre ersatzprobe

    ersatzprobe

    22. April 2010 at 16:59


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