ed2murrow

Europa ist mitten unter uns

04 Warum Italien?

with one comment

Kurzfassung:

Dieser Blogger hat verbracht und verbringt sein halbes Leben in Italien. Land und Leute hat er praktisch mit der Muttermilch aufgesogen. Das ist mehr als nur Fremdsprachenkenntnis, das ist Teilhabe – es tut weh, wenn die italienische Fußballmannschaft aus einem Turnier ausscheidet. Es tut noch mehr weh, wenn Ignoranz (im Sinne schlichten Nichtwissens gepaart mit Überlegenheitsattitüde) den Blick auf eines der schönsten Länder der Welt verstellt. Die Pizza ist gut, l’amore noch mehr, aber der Alltag ist ungleich härter, als so mancher Urlauber (oder Angehöriger einer Toscana-Fraktion) es sich vorstellen mag. Italien ist ein sonnendurchflutetes Land, naturgemäß also voller Schatten. Ich liebe es deswegen, wegen seiner starken Farben und seiner scharfen Kontraste: In der Küche wie in der Politik.

Langfassung:

    Irgendwie zog es die nördlich der Alpen Lebenden schon immer nach Süden. Lange bevor es das römische Imperium gab, so sagen uns Archäologen, erwarben süddeutsche Kelten Schmuck, Tücher und Geschirr aus den Gefilden am Mittelmeer. Offensichtlich konnte die Dame von Welt aus Reetdächern schon damals dem Faszinosum signierter Hübschungen nicht widerstehen. Deswegen versuchten die Nachfahren von Romulus und Remus denn auch, aus dem schwunghaften Warenaustausch eine profitable Dauerniederlassung in Sachen Handel und Händel abzuleiten. Augusta Vindelicorum wurde gegründet, Castra Regina, Castra Batava, Colonia Claudia Ara Agrippinensium (CCAA, womit klar wird, warum der Karneval dort zu Hause ist: So etwas nennt sich Galgenhumor) und die vielen Weiler, die heute alle stolz ihr kleines Römermuseum präsentieren. Nicht so in Bonna: Die Nachfahren der Germanen zogen es vor, sich von den italischen Völkern noch 1991 zu distanzieren und zurück in die Sümpfe zu ziehen. Wie überhaupt die wirklich wichtigen Siedlungen in der Germania Moderna reine Eigengewächse sind. Die selbsternannte „nördlichste Stadt Italiens“ wurde trotz seiner autoktonen Bezeichnung als Minga, was lautmalerisch an ein gewisses männliches Attribut sizilianischer Provenienz erinnern mag, von lokalen Mönchen gegründet, deren Kloster zudem nach einem Griechen benannt ist, der wiederum wie der heidnisch hellenistische Gott von Wein, Weib, Gesang hieß. Erklären Sie die Ironie mal jemandem auf der Maxstrasse, wenn der gerade „an Prosecco bittschä, owa schnei“ bestellt.
     Nach lächerlichen fünfhundert Jahren dieses von Tür zu Tür am Limes entlang, Boxenstop zu Teutoburg/Kalkriese bei Meister Arminius inklusive, kam die Gegenbewegung so richtig in Schwung. Odoaker und Theoderich weihten den Brenner in umgekehrter Richtung ein, über Normannen von Neapel bis Sizilien, Bourbonen (bei denen nicht wenig die Habsburger mitmischten) in den zwei Reichen bis hin zur Toskanafraktion wollte alles und jedes die „dolce vita“, das „dolce far niente“. Der Marsch über die Alpen und durch die Institutionen wurde zur klimatisierten Fahrt gen fest in teutonischer Hand gehaltene Enklaven. Der etwas werden will, geht in die USA, der meint, schon etwas zu sein, reist nach Italien. Wie Goethe, und der war auf der Flucht vor einer dräuenden Mid-Life-Crisis, die man zu seiner Zeit nicht kannte, bevor er, dank „bella Italia“ genesen, unsterblich wurde.
     Das Sonderbare jedoch ist, dass mir spontan kaum jemand einfällt, der sich vom Norden kommend dauerhaft in Italien niedergelassen hätte. Wichtige Leute meine ich, und in jüngerer Zeit, nicht die Heerscharen und Fußvolk, die die Fruchtbarkeit des Landes kennen lernend zu Bauern und treu sorgenden Vätern von Großfamilien wurden. Blonde, Blauäugige, hoch Aufgeschossene in Palermo legen davon Zeugnis ab. Ein Hundertwasser vielleicht, der sich allerdings auf seiner Insel in der Lagune von Venedig streng nach außen abschirmte und seine eigene Fraktion bildete. Oder die Scharen an Frauen -Nachfahrinnen jener trendbewussten Keltinnen ganz zu Anfang-, die im Dreiklang Paris, London, Rom, allem nachpfeifen zum Trotz, die Via Veneto mit Fellini zum Stelldichein und die Fontana di Trevi zum Erfrischungbad auswählten. Gucci, Fendi, Bulgari taten ein Übriges. Aber selbst sie kehren dem schönen Schein den Rücken und in den Norden zurück, wenn es mit dem Eros, der heute Ramazotti heißt, nicht so klappt; Zweitwohnung am Meer nicht ausgeschlossen.
     Seit Jahrhunderten erscheint Italien, wenn wir von friedlichen Absichten sprechen, lediglich das Ziel von Kulturreisen, wobei völlig offen bleibt, ob es sich dabei um fachspezifische, kulinarische oder doch eher um Ausflü(cht)(g)e eines sehr weit gemeinten Studium generale handelt. Man muss zugeben, dass das Überschreiten des eigenen Tellerrands, ganz anders noch als über den Rubikon, viel einfacher geworden ist. Was nicht nur daran liegt, dass Grenzkontrollen abgeschafft sind und die lästige Umrechnerei mit inflationär wachsenden Nullen mittlerweile entfallen ist. Der Beflissene findet sein Refugium in der Casa di Goethe, im gleichnamigen Institut, in der Villa Massimo, in der Villa Romana (ausgerechnet in Florenz!), in Studienzentren landauf, landab. Selbst die Scippi, der Handtaschenklau vom auffrisierten Mofa aus, haben spürbar nachgelassen. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass in Generaldire- und Redaktionen, rudimentäre Kenntnisse von Land und Leute vorausgesetzt, nach anderen Metropolen Rom als vierthäufigster Wunsch für einen Auslandseinsatz genannt wird, in Bänkerkreisen mag der Sitz des IOR auch eine gewisse Rolle spielen. Das macht sich gut im Curriculum und eröffnet konkrete Aussicht auf pittoreske Erfahrungen. Selbst Kinder riskieren den Kulturschock nicht, denn sie werden in der DSR eingeschult, vorausgesetzt, sie treffen dort nicht gleich als erstes auf den fighetto ihrer Klasse. Was aber dann eher kurzerhand zum Problem für den elterlichen Geldbeutel wird, denn Kinder können sich bekanntlich ganz schnell anpassen.
     Warum also nicht zumindest eine dauerhafte Beziehung zu dem immer wieder verklärten Land aufbauen, wenn man schon einmal das Privileg hatte, einzutauchen in die Wirklichkeit jenseits von Glamour und Sensation? Man würde den wie hierzulande hart arbeitenden Menschen finden, der ganz ähnliche Wehwehchen beklagt oder die Ungerechtigkeit dieser Welt. Freilich mit anderen Nuancierungen, mit einem in der Summe anderen Blickwinkel. Man würde erfahren, dass in Rom ein vor allem bei Kindern beliebtes (da kann so schön viel Mortadella reingepackt werden) Brötchen Rosetta heißt, was ein deutscher Bäcker nie und nimmer anbieten würde, das Verkaufen von Luft wäre unter seiner Ehre. Man würde dann aber auch erfahren, dass das Bäckerhandwerk in Italien die Bezeichnung „Frischbrot“ vermisst, der deutsche Bäcker seine frische Ware hingegen mit bis zu zwanzig Prozent sog. „Restbrot“ anreichern darf. Rezepte für das richtige Vitello Tonnato sind zwar schön und gut, unser tägliches Brot verdient aber nicht nur aus Gründen der religiösen Fürbitte durchaus eine „fremde“ Betrachtungsweise. Wie die Tatsache, dass es ohne weiteres möglich ist, ein ganzes Volk von Schenkungs-, Erbschafts- und Grundsteuer zu befreien, auf einen Schlag und nicht nach einem bewaffneten Aufstand.
     Einige Kreise habe sich die schlichte Nichtkenntnis von dem, was sich jeweils hier drüben und dort unten abspielt, vortrefflich zunutze gemacht. Da ist nicht nur der Jet-Set zwischen Sylt und Porto Cervo, der ohnehin nach eigenen Regeln zu leben scheint, obwohl er übersieht, dass er den gleichen Gesetzen unterworfen ist wie der Rest der Plebs, nämlich den physiologischen. Es sind vielmehr die die Schlupflöcher Ausnützenden, die in der Grauzone Operierenden, die Schlaumeier der beiden Nationen. Wenn Ix in D investiert, dann ist das in Richtung Wohlstand und Arbeitsplätze immer gut; Nicht so gut, wenn es zu betrügerischen Zwecken geschieht (erinnern Sie sich an das Mehrwertsteuerkarussell bei Milchtransporten?); Ganz schlecht wenn das dafür nötige Kapital vom Menschenhandel aus A Richtung I stammt und Iy dessen Betreiber ist, der sich Ix’ens (oder Dz’) als Strohmann bedient. Sie können es, weil in D Ix und Iy gänzlich unbekannt sind, sogar jenseits jeder Vorstellungskraft liegen wie eine Gleichung mit fünf Variablen. Ross und Reiter zu nennen mag dem gastierenden Ausländer als Affront gegen den Gastgeber erscheinen. In Zeiten, in denen kosmopolitisch nicht mehr nur ein Exklusivität heischendes Attribut der Schönen und Reichen ist, sondern im zusammenwachsenden Europa eine innere Notwendigkeit, ist diese Haltung hoffnungslos obsolet. Sie ist nicht mehr unwillkommene Einmischung in fremde Angelegenheiten. Sie ist Pflicht, gerade weil diese Fremde mittlerweile dem Inland in vitalen Bereichen gleichgestellt worden ist. Oder wissen Sie etwa nicht, was Schengen, Maastricht und Lissabon für Sie wirklich bedeuten? Hätten die Gallier damals geahnt, dass der junge Julius einen riesigen Berg Schulden hatte und nach Beute schielte, sie wären auf dem Quivive gewesen. Schöne Sprache hin oder her, das „De Bello Gallico“ wäre uns erspart geblieben. Sie sehen, Historie kann so einfach sein.
Man muss ja nicht gleich, kleines Literaturrätsel zum Schluss, dramatisch aufseufzen: „Ich stehe zwischen zwei Welten, ich bin in keiner daheim und habe es infolgedessen ein bißchen schwer.“ Es würde schon reichen, ein wenig verfremdet: „Etwas davon hilft mir immer“. Vielleicht auch Ihnen.

Written by ed2murrow

9. August 2009 um 15:02

Eine Antwort

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  1. Ein sensationell gutes Blog. Ich konnte nicht aufhören, zu lesen und hoppla, ist der Morgen schon da! Nun muss ich wohl in der Redaktion schlafen und meine Unpässlichkeit als „kreative Pause“ tarnen. Mille grazie!

    B. de Ganay

    6. März 2014 at 08:05


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