ed2murrow

Europa ist mitten unter uns

05 Fußball-WM 2010 und die Ahnungslosen

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Auf freitag.de gab es eine wunderbare Serie von Blogs/Artikel zur Fußball-WM. Es begann mit einem Vorschlag von Kalle Wirsch: „Ich wär für einen ‚Blog der Ahnungslosen‘. So wie bei der NRW Wahl Berichterstattung auf Freitag.de.“ Natürlich haben die online-Redakteure des Freitag Maike Hank, Teresa „Tessa“ Bücker und Jan Jasper Kosok das umgesetzt. 

Zu Dokumentationszwecken setze ich meine drei Beiträge hier ein, empfehle aber jedem die Lektüre der Serie bei Freitag, oben verlinkt: Es ist ein Genuss, und es war eine schöne Erfahrung für diesen Blogger. 

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Auf dem Weg 14.06.2010 | 15:54

Das war schon gespenstisch, mitten im Juni 1970, mitten in der Nacht und ziemlich mitten in Rom, als ein paar Zeitzonen weiter westlich Karl-Heinz Schnellinger zum 1: 1 ausglich und damit eine Spielverlängerung erzwang.  Überall standen wegen der Schwüle die Fenster weit offen, von unserer Küche im achten Stockwerk aus hatten wir einen guten Blick auf andere Wohnungen, wie dort die Partie Italien und Deutschland miterlebt wurde. Viele saßen am Radio, das TV, natürlich schwarz/weiß, war noch nicht allgegenwärtig; wir hatten so ein Gerät, weil sich ein Jahr vorher ebenfalls Epochales ankündigte, die Landung auf dem Mond. Aber noch wussten wir nicht, dass das Match als partita del secolo, als Jahrhundertspiel in die Annalen eingehen würde. 

Bei Schnellingers Tor, pikanterweise spielte er zu der Zeit beim AC Milan,  jubelten nur wir, diese kleine deutsche Enklavenfamilie,  während hundert Minuten vorher, als Boninsegna getroffen hatte, caput mundi eben dort stand: Auf dem Kopf. So ging das hin und her, unser Häuflein frohlockte bei Müller, während um uns herum Burgnich und Riva lauthals zum Zuge kamen. Nach dem 3:3 durch Müller kroch die Eiseskälte der Stille bis unter die Haut, was würde wohl der nächste Tag bringen? Irgendwie war in der 111. Minute mit dem Tor von Gianni Rivera die Welt, die damals auch zwischen Deutschen und Italienern noch eine Aufenthaltserlaubnis im jeweils anderen Land erforderte, wieder in Ordnung. 

Man sagt, die Begegnungen zwischen diesen beiden Nationalmannschaften seien zwar immer sehr emotional, aber nie wirklich ernst. Das liegt womöglich daran, dass Italien dann, wenn es wirklich um etwas ging in der Fußballwelt, zwar stets die eine Fußspitze näher am Erfolg war, aber augenzwinkernd: Theatralik auch beim Hinfallen siegt gegen deutsche Tugend. Ich kann das nicht beurteilen, denn von Fußball habe ich wirklich keine Ahnung. Mit ist nur gestern Özil aufgefallen, eine so schöne Schwalbe wäre eigentlich  einen Theaterpreis wert. 

Vielleicht entdecken heute Abend die Azzurri in der Eiseskälte von Kapstadt nordländische Qualitäten? Denn mittlerweile brauchen wir keine Genehmigungen mehr, uns aufzuhalten, die Fahrt über den Brenner verläuft ohne Unterbrechung, dem Austausch stehen kaum noch Hemmnisse entgegen. Es war ein langer Weg dahin, auch mich nicht mehr zwischen zwei Mannschaften entscheiden zu müssen. Erst recht nicht in Farbe. 

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Tattoos und Stoßgebete 20.06.2010 | 12:26 

Die italienische Nationalmannschaft hat „heute alles zu verlieren“, diktiert es Nationaltrainer Lippi in die Feder der Journalisten und wohl auch in die Köpfe seiner Spieler. Die Taktik ist genauso einfach gestrickt. Weil alle Kiwis – so die durchgängige Bezeichnung der italienischen Medien gegenüber den Neuseeländern, wohl aus Platzgründen – „groß und stark“ aber „nicht sehr beweglich“ sind, müsse man „den Ball flach halten und schnell machen.“ Dass jemand  angesichts des Tiefsinns dieser taktischen Elaborate nichts von Fußball versteht,  sollte vielleicht zu denken geben. Dieser Blogger kann Ihnen versichern: Es berichtet sich wesentlich leichter. 

Etwa darüber, dass Stammtorwart Buffon wegen eines Bandscheibenvorfalls nicht wird auflaufen können. Er wird von Federico Marchetti ersetzt, auf internationalem Parkett ein Nobody, aber mit bewegender Geschichte. Nicht nur, dass der 27-jährige es in nur zwei Jahren aus der Regionalliga bis in die Nationalmannschaft geschafft hat. Er hat auch zwei schwere Autounfälle, bei denen zwei Mannschaftskollegen starben, praktisch unverletzt überlebt. Seitdem trägt er das vollständige Ave Maria eintätowiert am rechten Oberarm. Was  zu Formulierungen  wie „einer vom Wunder Berührten“ geführt hat, „der den Helden von Berlin keine Träne nachweinen lässt“; im Corriere della Sera, der auflagenstärksten Tageszeitung Italiens, bis hierher auch international wie politisch als renommiert gehandelt. 

Aber vielleicht ist das alles nur die notwendige Begleitmusik zur eigentlichen Brisanz um die Person. Denn geboren ist Marchetti in Bassano del Grappa, Region Venetien und fußballerisch groß geworden zwischen Piemont und Lombardei. Das ist Padanien, Land der Lega Nord. Deren Regionalismus geht mittlerweile so weit, dass die Moderatoren ihres „Radio Padania Libera“ am vergangenen Montag während der Partie gegen Paraguay völlig unironisch für die Südamerikaner Stimmung machten und bei deren Tor jubelten. Der Bruch eines der letzten Tabus nach Verächtlichmachung von Nationalflagge und –hymne befördert natürlich die Frage, wie das nördliche Eigengewächs, der einzige in der Mannschaft mit einer solchen Vita, mit den angenommenen zwei Seelen in seiner Brust fertig wird. Die Antwort „Als Bub habe ich immer zu Italien gehalten“ verrät bereits das politische Geschick. Marchetti ist kein Kind mehr. 

Vielleicht hat Lippi doch recht mit seiner schicksalshaften Einordnung.  Gegen eine Mannschaft, die nach einem flugunfähigen und praktisch ausgerotteten Vogel benannt ist, kann tatsächlich alles verloren gehen, nicht nur das Gesicht. So mag das eine oder andere Stoßgebet verständlich werden, das heute Nachmittag zum Himmel geht, es möge gegen die Azzurri ja keinen Elfer geben. Und Maria, bewahre ihn vor einer Gewissensentscheidung. 

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Scheiden tut weh 25.06.2010 | 11:16 

Italien ist ausgeschieden. Nicht irgendeine Mannschaft, sondern der amtierende Weltmeister in Sachen Fußball. In der Vorrunde, oder Gruppenrunde, oder wie man das nennt. Jedenfalls zu früh. 

„Nie war es so hässlich: Italien kommt nach Hause“ titelt Repubblica zweideutig, während der Corriere della Sera das Geständnis von Trainer Lippi in den Vordergrund stellt: „Alles meine Schuld“. Wie immer am deftigsten die nationale Sportzeitung, La Gazzetta dello Sport: „Tiefschwarz: das schlechteste Italien aller Zeiten ist draußen“ und „Nach Hause in Schande“. 

Vor drei Tagen hatte Umberto Bossi, Chef der Lega Nord und seines Zeichens Minister ohne Portefeuille für Reformen und Föderalismus auf die Frage, ob die italienische Mannschaft weiter komme, noch gehöhnt: „Sicher, dafür wird gezahlt. Man wird sehen, wie viele slowakische Spieler in der nächsten Saison bei uns sein werden“. Was naturgemäß einen Sturm der Entrüstung auslöste und den Herold aus „Padanien“, wie immer in solchen Lagen, etwas von „Entschuldigung, aber ich wurde falsch verstanden“ draufsatteln ließ. 

Die Mannschaft und ihr Trainer werden also in die Annalen eingehen. Bleibt abzuwarten, ob der sportlichen Leistung wegen oder weil sie nicht einmal fähig waren, slowakische Spieler für die nächste Saison anzuwerben. Ciao Italia.

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Written by ed2murrow

23. Juli 2010 um 23:12

Eine Antwort

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  1. Zum Sommer-Thema das: Horst Feilzer hätte gelacht!
    (morgen im lindenblatt mit links für alle)
    Und als guten Gruß zum Jahreswechsel,
    wo man sich (hier) wärmer anziehen sollte.

    rainer kühn

    31. Dezember 2010 at 20:50


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