ed2murrow

Europa ist mitten unter uns

Gutti geht, Mutti bleibt – eine Umschau

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Benjamin v. Brackel in derFreitag-online titelte gestern noch „Schickt Gutti heim zu Mutti!“. Eine „Eventkritik“ zur Demo, die Schuhe-Werfen –nach arabischem Vorbild– zum neuen Stilmittel deutscher Ausdrucksstärke hochjazzt. Klar, ginge nicht anders, „weil es in Deutschland an Symbolen fehle“, so einer der Organisatoren des Flash-Mobs. Münchhausens Ritt auf der Kanonenkugel kennt er offensichtlich nicht. So viel zum Leben im Inneren Deutschlands. Flash-Mob, Event, irgendwie … radikal-chic. Nett, darüber gelesen zu haben.

La Repubblica, Rom: „Promotionsschrift kopiert, Guttenberg ist zurückgetreten“ titelt die Tageszeitung online und meint: Die Mitte-rechts-Koalition verliert mit dem Verteidigungsminister „eine Schlüsselfigur, das enfant prodige, das bis zur Explosion der Affäre von allen Umfragen als der populärste Politiker bezeichnet war, noch vor der Kanzlerin.“ Und weiter: „Sohn ältesten Adels, dynamisch, elegant, aber auch Liebhaber von Rock-Musik, verheiratet mit einem Abömmling des deutschen Cavour (dem Vater der nationalen Einheit Otto von Bismarck), ist Guttenberg über einen spektakulären Fehler gestolpert. Oder besser, über einen schwarzen Fleck aus seiner Vergangenheit“. „Ein Fall, der in Italien bei allen hausgemachten Skandalen, ein Grund zum Lachen wäre. Aber in Deutschland nimmt man bestimmte Sünden wie Betrug oder Täuschung, sehr ernst.“ Der Wechsel auf dem Posten treffe Deutschland tief angesichts des militärischen Engagements. Aber: „Angie hat es wieder einmal gegen einen ihrer männlichen Rivalen geschafft.“

Il Giornale, House-Organ des Berlusconi-Clans, nimmt die Nachricht zur Stunde nicht auf, wirbt aber damit, dass heute mit dem Print „Das politische Testament von Mussolini“ veröffentlicht wurde.

Hach ja, Berlusconi, ein Grund zum Lachen,  inspiriert so manche: Veline, Menschen entwürdigen, Hauptsache bezahlt. Nicht nur in Italien. Nur versteckter, subtiler, unvermutet wo.

Berlusca, der inspiriert wenigstens  musikalischOrgia on my mind

       

Englische und italienische Textversion hier, wer noch ein paar Titel braucht, kann sich bei Il Fatto Quotidiano bedienen.

 

[Nachtrag vom 04.03.: Nicht online, dafür auf S. 5 mit farbigem Hintergrund hervorgehoben, berichtet Nico Fried in der SZ, wie es zu dem Norbert Lammert zugeschriebenen Spruch gekommen sei: „Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie.“ Damit habe der Bundestagspräsident nicht die Affäre um Guttenberg selbst gemeint, sondern eine Umfrage einer deutschen Boulevardzeitung zu der Frage, ob Guttenberg zurücktreten solle. Solche Plebiszite seien der Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie.

Seltsam nur, erscheint es diesem Blogger, dass Medienschelte immer dann hagelt, wenn es einmal darum geht, einen Angehörigen der Politiker-Kaste nicht in den Himmel zu jazzen. Ziemlich dünnes Eis.]

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Written by ed2murrow

1. März 2011 um 20:55

Veröffentlicht in Deutschland, Italien, Kultur, Uncategorized

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2 Antworten

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  1. Guttenberg war als politische Figur die Einwärmung zur Berlusconisierung der Bundesrepublik; hab ich irgendwo in den von mir frequentierten Medien gelesen. Ich fand das plausibel. Ein falscher Nicht-Abstand zum falsch definierten Volk, ein Gemein-Macher von Wichtigem: für alle. – – – Der Schluß kann ja nur sein, daß die gegebene Demokratie westlicher Prägung noch Superpolitiker sucht (Führer), während eine Demo-kratie dem Sinne nach sich selbst als Herrschaft nicht brauchend erkennen würde. (Wir alle Einzelnen würden uns nämlich als Gleiche verständigen können. U t o p i e, worin noch niemand)

    rainer kühn

    3. März 2011 at 23:23

  2. Wie Top-Marxisten und Absolut-Gegenwartisten als Moralisten über den Fall Guttenberg schwadronieren, samt Rotschwänzen und Rückfällen hinter gar 1789 habe ich heute gelesen: in dem ansonsten geschätzten Blog ‚Geisterbahn‘. Ich hab´s in meinem Lindenblatt notiert; wollte aber eigentlich noch sagen, daß die Partei DIE PARTEI als echte Satire den Guttenbergkomplex der deutschen Politik als deren Berlusconisierung lang vorweggenommen hat als gleichzeitige Realpartei.

    rainer kühn

    7. März 2011 at 22:51


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