ed2murrow

Europa ist mitten unter uns

1 Jahr, 13 Wochen als Blogger bei freitag.de (I)

with one comment

 (Eine [Zwischen] Bilanz) 

Wut sprach aus den Zeilen Jakob Augsteins im Blog „Kleine Kritik an der Kritik am Freitag“, die kalte Wut, die einen Vater überkommt, wenn ein Unhold seinem Kind an die Wäsche will. Den glatten Journalisten- und Verlegersprech, diese gängige wie undurchlässige Teflonbeschichtung aller Profis seines Rangs beiseite legend, machte er sich um seines Geschöpfes willen, der in Wandlung befindlichen Wochenzeitung derFreitag, angreifbar. Im März 2009. 

Das schuf Nähe, sogar Sympathie. Nicht für die Person, die ich nicht kenne, sondern für: „Wir wollen eine Stadt bauen“. Was mich -neben einigen Dingen mehr- veranlasst hat, seit einem Jahr und dreizehn Wochen an „Zisternen zu bauen“, wie Augstein es vorschlug, ohne deren Wasser keine Stadt überlebt. Es gibt solche aus Beton, es gibt auch das Yerebatan Sarnıcı in Istanbul. 

Ich wundere mich, dass so viele Abrissbirnen am Werk sind. 

Außenansicht – alles im Soll 

Dass es nicht einfach werden würde, Leser/Schreiber derart in eine (Netz-)Zeitung einzubinden, dass daraus ein Novum in der hiesigen Medienlandschaft entstehen würde, war klar. Auch Vorschusslorbeeren wie die Nominierung zum Grimme-Award 2009 („ein mutiges crossmediales Experiment“) oder der LeadAward 2010  in der Kategorie „Webmagazin des Jahres“ konnten den Kern aller Fragen nicht überdecken: Leser die zu Schreibern zu etwas werden, was man unter Profis veröffentlichen kann, vielleicht sogar als ein kreatives Zentrum in einem Medium mit Reichweite: Wie soll das funktionieren? 

Eine Antwort hat der Print gegeben. Die Mischung aus eigenen redaktionellen Beiträgen mit solchen als Ergebnis einer Kooperation aus dem englischen Guardian übertragenen (viel Sprachgefühl, über jeden Zweifel erhaben: die Übersetzer) und Außenzulieferungen macht den Freitag nicht nur bunt. Oder in der Aufmachung ausgezeichnet („World´s Best Designed Newspaper 2009“). Dort, wo vergleichbare Formate mit Kompaktheit aufwarten, die an Geschlossenheit grenzt, glänzt derFreitag mit inhaltlicher Vielfalt, vereint unter einem Nenner: Der außergewöhnliche Blick auf den Alltag. Wer wollte da in Abrede stellen, dass alles politisch sei und herausfordernd. 

Der Leser/Schreiber, ein Reservoir

Dazu passt die sichtbare Einbindung der Blogger, jener Leser, die zu Schreibern werden. Die wöchentliche Übernahme von Beiträgen außerhalb der noch immer vorhandenen klassischen Rubrik „Leserbriefe“  schreibt Zeitgeschehen aus einem Blickwinkel auf, der tatsächlich ein Novum ist. Der vormalige reine Konsument ist nun selbst Gestalter, präsent mit eigenen Artikeln, Aphorismen, Kommentaren. Ein Eindruck der noch verstärkt wird, wählt man als Einstieg in den Freitag  dessen Internetpräsenz. Täglich finden sich auf www.freitag.de mindestens drei Blogs zusätzlich und direkt aus der Community, wie die Gemeinschaft der Leser/Schreiber und ihre Veröffentlichungen genannt wird, sowie im stetigen Fluss von der Redaktion leicht bearbeitete, „redaktionsfähige“ Inhalte, die von den Nichtprofis stammen. 

Die gelungene Fassade vermag allerdings nicht zu verdecken, dass im Kern des „cross-medialen Experiments“, auf den inneren Seiten von www.freitag.de/community etwas schief läuft, schief laufen muss – wenn ureigene Klientel, Blogger, offen nach Beschneidung von Meinungsfreiheit rufen. Praktisch unwidersprochen. Das neue Meinungsmedium zu Berlin, ein Potjomkinsches Dorf? 

Lese- und Schreibarten – was im Inneren geteilt wird 

Keine Frage, derFreitag kümmert sich um seine zuarbeitenden Zisternenbauer. Er umhegt sie mit verbindlich-verbindenden Initiativen wie der, das eigene Buchregal anhand eines Fragenkatalogs tageweise neu zu entdecken. Die gemeinsame Lektüre von „Die Enden der Parabel“ des Autors Thomas Pynchon und die Vorstellung des eigenen Leseerlebnisses in Blogs führte zu interessanten Einblicken. „Ahnungslose“ über Fußball zur WM schreiben zu lassen, war ein wohltuender Kontrast zum sonst verbreiteten Vorgefühl „Wir sind Weltmeister“ und linderndes Pflaster für einen beinahe als nationalen Affront begriffenen dritten Platz. Daraus ergeben sich feuilletonistische Seiten, die zwar aufgrund einer sperrigen technischen Plattform schwer wieder zu finden sind, aber sich nicht zu verstecken brauchen. 

Sie genügen nicht als Kitt für Risse, die Jakob Augstein ebenfalls im März 2009 veranlasst hatte, in Richtung Community „Zivilität im Netz“ anzumahnen: „Aggressionen an sich sind nicht das Problem. Problematisch wird es, wenn sie sich ungerichtet ergießen. Wenn Kommunikation zum Kampf wird. Wenn aus Worten Gewalt wird. Wenn der Respekt vor dem Gegenüber verloren geht weil man das Gegenüber gar nicht mehr im Blick hat. Sondern nur sich selbst […] Ich denke, wir sollten anfangen, hier einen Diskurs über Zivilität im Netz zu führen. Über die Grenzen des Erwünschten, des Empfohlenen, des Erlaubten, des Zulässigen.“ Daran hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert. Im Gegenteil. 

Der tonangebende Profi

Die möglicherweise vorhandene Erwartung, Journalisten würden allein aufgrund ihrer Professionalität Leitbildfunktion übernehmen, dürfte enttäuscht worden sein. Wendungen der persönlichen Zuschreibung, Über- und Untergriffe, Anprangerungen oder Zitierung aus Privatkorrespondenzen haben in ihnen prominente Vorläufer. Etwa im öffentlichen Disput zwischen dem Hochschullehrer und Autor u.a. für den Freitag Thomas Rothschild und Michael Angele, Leiter Ressort Kultur ebenda, unter dem sinnstiftenden Titel „Paranoia in der Mediengesellschaft (I)“. Oder in der Fortsetzung des Duktus‘ zuzüglich unverhohlen personalisierter Kritik an Usern in Angeles „Wie irre ist das denn“. Angereichert um die Kernaussage des stellvertretenden Chefredakteurs Jörn Kabisch in „Mein Logbuch – Zweierlei Maß“, die Redaktion habe ihre Lieblinge unter den Beitragenden, ergibt das eine Gemengelage. Quod licet iovi non licet bovi? 

„Tabus“, „Exil“ und kein Ende in Sicht

Zur Entwirrung trägt nicht bei, dass die professionellen Does gegenüber den Leser/Schreibern als Dont’s bis hin zur Aussperrung aus der Plattform geahndet werden. In einem solchen Zusammenhang hatte Jakob Augstein einmal geschrieben: „Bei uns handelt es sich dann umgekehrt um Exil auf Lebenszeit. Wir verbannen einen unliebsamen Blogger aus unserem Kreis, so wie Augustus den Ovid ans Schwarze Meer verbannt hat? Ich finde nicht, dass wir das dürfen.

Was aber davon halten, wenn gleichwohl Sperrungen damit begründet werden, dass der  betroffene User einen externen Blog in Bezug genommen hat, der -ohne auch nur den leisesten Anflug von Ironie- von der Redaktion als tabu bezeichnet wird, Betreiber jenes Blogs -diesmal leicht ironisch- als Exilanten? Wenn, mit anderen Worten, AGB, Neti- und sonstige Etiketten ergänzt werden um einen Index Librorum Prohibitorum, freilich sui generis, weil er nicht einmal aufgeschrieben steht? So besehen würde freitag.de mit der denkbar kürzesten aller Nutzungsbedingungen auskommen können: Folgen Sie den Anweisungen unseres Personals; immer! Teile und herrsche? 

Echos

Zwangsläufig scheint die Folge zu sein, dass die Userschaft in Teilen selbst, obwohl Nutznießer einschlägiger Freiheiten, derartige Sonderheiten vermehrt mit Applaus quittiert, gar von Kontingentierungen von Beiträgen als „wünschenswerte begrenzende Fürsorge“ schreibt. Oder Sätze auf die Leserschaft los lässt wie: „Ich habe mich schon früher grundsätzlich gegen Zensur im Blog ausgesprochen. Hinterher ist man immer schlauer …“. Die leichthin geschriebenen Begriffe Zensur, Tabu, Exil haben sich mittlerweile zu einem Mem entwickelt, Godwins Gesetz seine tägliche Bestätigung gefunden; letzteres mit der bemerkenswerten Variante einer ehemaligen Ost-West-Zeitung, dass „Nazi“ und „Stasi“ gleichbedeutend verwendet werden. Derartige Resonanz erstickt buchstäblich jede Möglichkeit eines medialen, also auf Kommunikation ausgerichteten Experiments im Keim. In einem politischen, links-liberalen Kontext, in dem sich der Freitag zu positionieren versucht, ist es fatal. 

In der Summe stößt das nicht „nur“ ab: Leser, ernsthaft Interessierte, Blogger die selbst Kommunikation mit Erfolg und Reichweite betreiben oder solches erst probieren wollen. Es verunsichert die Leser/Schreiber bei freitag.de, mehr noch: Es macht sie willkürlich angreifbar. 

Wie in jenem Artikel der FAZ vom Juni 2010 („Klick und Frieden“), in dem zwei profilierte Schreiber in ein spektakuläres wie unsägliches  Kreuzfeuer genommen wurden, um den Eigentümer des Freitag zu treffen („Aufmerksamkeit ist die Währung der Blogger, aber damit kann man keine Wohnung bezahlen“). Sekundiert von maliziösen Blogs ehemaliger Freitag-Schreiber wie Jürgen Fenn: In „25-Euro-Publizisten“ merkt er reichlich sarkastisch an, die FAZ habe ein zurückhaltendes Bild der Freitag Community gezeichnet, die sich (obendrein) geschmeichelt gefühlt habe. Und angreifbar für die Vergabe von sog. „Negativpreisen“ Richtung Community-Mitglieder, deren evidente Hilflosigkeit ein wüster Haufen sich zunutze macht.

Was darin zum Ausdruck kommt, ist Draufsicht, der scheinbar über allem erhabene Standpunkt. Notwendig wäre:

~Fortsetzung hier~

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Written by ed2murrow

10. Februar 2011 um 19:55

Veröffentlicht in Alltag, Deutschland, Kultur, Uncategorized

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Eine Antwort

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  1. Hat man einen „Anspruch“, irgendwie, darf man sich nicht wundern, daß der irgendwo bezweifelt wird. Und irgendwann, in einem offenen Forum sowieso, trifft dann was aufeinander. Und wie das so ist in einer nicht befriedeten Gesellschaft und Welt, erweist sich auch auf einer Zeitungsplattform die Zivilität schnell als ein wackliger Zaun, der im Diskurs über Grenzen dann wieder aufgestellt werden soll.
    Warum stützt man nicht einen wackligen Zaun von vornherein, warum schreibt man nach dem ersten größeren Unfall ‚Nicht Berühren‘ dran, oder: Warum gar ruft man nicht – und niemand beginnt im luftleeren Raum – dazu auf, einen guten neuen oder gar eine Welt ohne Zäune bauen zu wollen? Das aber wäre ein Anspruch, der freilich irgendwie weit zurückliegt, der eine Programmatik hätte, die in einer überall ausschließenden Welt dann auch selbst, aber ganz bestimmt, also konkret, ausschließen müßte für eine Politik, die paradoxerweise den Ausschluß einmal ganz ausschließen will. – Einen Maßstab dafür hat man gewonnen; oder verloren. Ähnlich geht es übrigens den auch nur kontextuell gewonnenen/erkämpften und wieder verlorenen sozialen Errungenschaften. Oder: Gute alte Zeit, als das Billy-Regal noch hinter der Mauer gebaut wurde … (Volker Pispers).
    Jeder kann sagen, was er will. Und alles hat ja auch seinen Ort. Demokratie. Laissez faire. Und Bitteschön. Ich selbst würde mir aber schon definieren wollen, wo mein offenes Haus geschlossene Fenster und Türen hat. Sonst würde es wohl ‚ehrenwert‘.

    rainer kühn

    11. Februar 2011 at 14:56


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