ed2murrow

Europa ist mitten unter uns

In eigener Sache II – Unflätiges Schweigen

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Den nachfolgenden Text hat dieser Blogger zunächst am 19.01.2011, um 09:23 Uhr auf seiner Seite http://www.freitag.de/community/blogs/ed2murrow veröffentlicht. Gegen 20:30 Uhr des darauf folgenden Tages hat er ihn wieder gelöscht. Zu Dokumentationszwecken ist er nun hier eingestellt.

Unflätiges Schweigen

Lion Feuchtwanger war die letzten Wochen mein Begleiter, sehr intensiv. Da Strom dort, wo ich war, kostbar ist, weil selbstproduziert, war es wie in weiten Teilen Deutschlands jener Zeit aus der Wartesaal-Trilogie, Kerze und Petroleumlampe funzelten auf den engbedruckten Text. Bislang wusste ich nicht, dass Augen schmerzen können.

Bewegt hatte mich, das knappe Kilo extra mit zu schleppen, das Exil. Stefan Zweig war mir schon früh begegnet, natürlich Brecht, Mann, Kisch, Roth, Werfel. Nur Feuchtwanger nicht, genauer: Nicht mit diesen, die das Exil für ihn begründeten. München, Stadt der Gemütlichkeit?

Äußeres und inneres Exil – was blieb Krüger anderes übrig, als innerlich zu emigrieren, um nicht völlig verrückt zu werden? Und den Dr. Geyer nach Berlin zu gehen, der aufkeimenden Gewalt zu entfliehen? Die ländliche Idylle, das Garmisch der Haute-Volée und des schmierigen Herrn Pfaundler, das Verhältnis der Krain mit dem Hassreiter: Alles Fluchten, erzwungen oder eingebildet, stets unter dem Eindruck von Gewalt.

Nicht nur der rohen („In jenen Jahren war eines der beliebtesten Mittel, den politischen Gegner zu widerlegen, seine Ermordung“ wenn in der Handhabung geistiger Waffen nicht gewachsen), sondern auch der subtilen, wozu ein Weißwurstessen im Angesicht des Gegners gehören mag. Bei den Schatten, die Kerzenlicht wirft, lässt es sich nachdenken über Gewalt. Auch des Pröckl, der sich seinerseits für die Karikierung im Roman leibhaftig und ebenso vollmundig revanchierte.

Sonderbarerweise kam mir in den letzten Tagen abermals das Wort Exil unter. Da Strom wieder frei verfügbar, die Augen daher nicht mehr ohne weiteres schmerzen, ist dieser Drang, das Letzte aus dem Text zu saugen, nicht mehr so mächtig, stolpert man mit  Freude am Lesen im Netz, auch über abseitige Dinge. Selbstdisziplin ersetzte den herab brennenden Docht im Idealfall, nicht immer gelingt es.

Ganz neu und in einem neuen Zusammenhang. Denn Exil wurde nicht gebraucht  mit einem Verbringen in ein anderes Land, nach Sanary-sur-Mer. Und dennoch hatte es mit einem hier und dort zu tun. „Dort“, irgendwo im Netz, sei das Exil, „Hier“ spiele die Musik. Dass dabei auf eigentümliche Weise im „Dort“ Menschen charakterisiert wurden, die im „Hier“ nichts mehr zu suchen haben, im Jahre 2011 schien mir das eine reichlich misslungene Ironie.

Es war sehr ernst gemeint. Denn heute durfte ich feststellen, dass ein neuer Exilant die Reihen derer auffüllt, die in jenem „Hier“ nichts mehr verloren haben. Weil er einen Text veröffentlicht hat, Urahn aller Gründe für Exil, der nicht genehm war. Ein Text, der sich mit Wahrnehmungen und Überzeugungen auseinandersetzte, einer jener Texte im Brustton, wie er politischen Schriften zu Eigen ist. Der Widerspruch erzeugen nicht nur kann, sondern muss. Ein unterdrückbarer Text, weil es schwer ist, die geballte Kraft der gesetzten Buchstaben einfach beiseite zu schieben, durch Schweigen.

Texte, die irren können, weil ihr Autor. Moskau 1937 oder Retour de l’U.R.S.S? Gide hielt eine Eloge auf Maxim Gorkis Begräbnis und ward enttäuscht, er und Feuchtwanger bekamen sich in die Haare, so wie die damalige, nennen wir sie: Szene dem Autor von Erfolg seine Sicht der Dinge nicht mehr verzieh. Wie kann man nur, gegen alle Erkenntnis? Weil. Aber das scheint dann schon nicht mehr so wichtig. Urteile werden schnell gefällt, wenn selbst nicht betroffen.

Nicht jede Zeile ist deswegen wertvoll, weil sie von einem Exilanten stammt. Zeilen sind wertvoll. Sie sind es nicht deswegen weniger, weil sie Fußnoten enthalten, Verweise auf anderweitige Erkenntnisse. Sie führen fort, sie führen weiter und nicht nur zurück, auf das, was die Fußnote versinnbildlicht. Ist in ihr Exilliteratur enthalten, baut sie die Brücke zwischen dem „Hier“ und dem „Dort“, Wegezoll in Form des Gegenlesens heischend, der Anstrengung.

Der Text, um den es geht, wurde nicht wegen seines Inhalts, sondern wegen seiner Fußnoten gekippt. Sie nennt man im Netz Links und sind technisch bewirkt, in dem eine URL unter den eigentlichen Text gelegt wird. Ein Fallstrick, erkennt man deren Quelle nicht sofort. Ein Fortschritt, fördert es flüssig das Weitere. Noch mehr kann untergeschoben wie überhöht werden, Vernetzung wird ungleich dichter, allein aus Text heraus. Die skurrilste Frage ist immer die, die nicht beantwortet werden kann. Hätte Gide „Der Ästhet in der Sowjetunion“ weggeschnippt? Es käme darauf an, wie groß die Schere im Kopf.

Umso schärfer setzt die Schere an, wenn diese intendierten Beiwerke nicht genehm erscheinen und Technik das Schneiden erleichtert. Weil sie etwa Verweise auf Exilanten und deren Schriften enthalten. Sie setzt beim gesamten Werk an, denn mit dem Löschen eines Textes wird eben dieses Exil angedroht oder bereits billigend in Kauf genommen. Und der Text vernichtet. Mit geistigen Mitteln gewachsen sein, in neuer Gemütlichkeit in der neuen, wachsenden Polis Netz? Meine Augen schmerzen, nicht mehr nur diese.

Keinen Feuchtwanger misse ich, aber Hibou und Hotel Naipaula, jetzt in Sanary gelegen – gegen alles VerSchweigen.

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Written by ed2murrow

21. Januar 2011 um 15:01

Veröffentlicht in Deutschland, Journalismus, Kultur, Politik, Uncategorized

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