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Europa ist mitten unter uns

In guter Nachbarschaft

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Wenn aus Wiki der Boulevard leakt

Nachbarliche Streitigkeiten machen bei Gerichten hierzulande einen Großteil der Prozesse aus, vor allem der langwierigen. Dabei geht es meist gar nicht um den Baum, der seine Blätter immer auf der falschen Seite abwirft, sondern um das Menschliche an sich. Etwa wenn ein Nachbarehepaar an einem lauen Sommerabend bei offenem Küchenfenster sich ein wenig zu laut über das andere unterhalten hat. Da hilft kein Gutachter mehr, und auch der Richterspruch kann gegebenenfalls nur die Rechtsfrage lösen, nicht die menschliche Verletzung heilen. Ein alltäglicher Vorgang.

Zum Gossip, hierzulande Boulevard genannt, wird es dann, wenn das Küchenfenster das des Buckingham Palace war und nun via bunte Blätter jeder wissen sollte, was eine gewisse Elisabeth über eine Person namens Camilla denkt. Dass ein Dementi der Betroffenen auf dem Fuße folgt, ist selbstverständlich, dient allerdings weniger der Wahrheitsfindung – denn wer weiß schon, was ein anderer wirklich denkt- als vielmehr der Imagepflege. Die Welt der Mächtigen, Schönen, Reichen solle immer die Aura des Mysteriösen umgeben, des nur leise geflüsterten Wortes, der nur andeutungsweise angehobenen Augenbraue. Es hilft aber auch, dass man sich am Tag der Veröffentlichung des Dementis ohne weiteres die Hand geben kann, selbst wenn anschließend das große Bedürfnis herrschen mag, sie sich sofort wieder zu waschen.

Etwas leichte Bettlektüre 

Daraus wird nun nichts mehr, will es scheinen, denn zumindest das, was als Macht bezeichnet wird, steht nicht einmal mehr in Unterwäsche da. Mit Wikileaks und ihren jüngsten Veröffentlichungen haben Assange und Co. das Schlüsselloch weit geöffnet und die nicht dementierbaren, weil schriftlich niedergelegten Gedanken für jeden einsehbar gemacht. Der Erkenntnisgewinn ist allerdings gering. Die fehlende Kreativität der Kanzlerin konnte schon diversen Modejournalen der Republik entnommen werden. Oder dass Berlusconi vor lauter Partys nicht zum Regieren komme – der italienischen Inlandspresse ist das nicht einmal mehr die Erwähnung wert. Ist es also tatsächlich eine Düpierung, eine Desavouierung, wenn der abschätzige Blick in Schriftform nun von außen kommt?

Wohl nur für die, die tatsächlich meinen, Akteure auf großen Bühnen seien keine Menschen, die den Gang aufs stille Örtchen zuweilen auch als Moment der Selbstreflexion nutzten. Um anschließend einen anderen Akteur mit ausgestreckter Hand und brillantem Lächeln zu empfangen. Zwischen Vertretern von Ländern geht das nicht anders. Denn sie haben nur äußerst selten Gerichte und Gutachter zur Verfügung, um ihre Differenzen auszutragen. Regieren bedeutet auch, derartige zumal persönliche Animositäten weg zu stecken und Einschätzungen als das zu nehmen, was sie sind – Information mit oder ohne Nährwert.

Dass sich der namhafte Print an der Nahrungssuche beteiligt, ist normal. Er lebt von Auflage, und die leicht geknickte Haltung auf Hüfthöhe vor verschlossenen Türen fördert sie ungemein. Das scheint sich auch Wikileaks gesagt zu haben: Nach Tonnen schwer verdaulichen Dokumenten im militärischen Fachjargon nun etwas leichte Bettlektüre. Bleibt eigentlich nur noch das Geheimnis um die umwitterte Organisation selbst zu lüften. Hat ihr Chef nun in Schweden oder hat er nicht? Und ist er überhaupt noch Chef? Aber auch das ist nur Boulevard, ganz sicher, inklusive Händewaschen nach Verrichtung, freilich nicht immer in verfolgter Unschuld.

 

[Zu einem Deutungsversuch der Person Julian Assange http://bit.ly/h6Ics1]

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Written by ed2murrow

3. Dezember 2010 um 11:37

Veröffentlicht in Journalismus, Politik

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Eine Antwort

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  1. […] dass wirklich Relevantes gelesen wird. | Der Erkenntnisgewinn ist allerdings gering, meint auch der Ausrufer. Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste dem dies […]


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