ed2murrow

Europa ist mitten unter uns

Arbeitsgemeinschaft der Nichtsesshaften

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Das älteste private Sozialprojekt in Wien ist 30 geworden

Ja, dürfen die das denn? Feiern, während auf der Straße warme Mahlzeiten nebst Iso-Matten gegen die aufziehende Kälte ausgegeben werden? Sandler, wie Obdachlose in Österreich genannt werden, Langzeitarbeitslose und Feste – ganz klar, das kann nur Charity sein, zumal in einer Benefizhochburg wie Österreichs Hauptstadt. Es sei denn, man nennt sich ARGE Wien und hat einen sehr langen Atem. Dann wird auch ein Möbellager für einen Abend zur Location.

Weg von der klassischen sozialen Hilfe, von dem „Wir wissen, was gut für den anderen ist“. Das war das Grundverständnis von ehemaligen MitarbeiterInnen der Caritas vom Westbahnhof, mit dem sie die Arbeitsgemeinschaft für Nichtsesshafte, kurz die ARGE Wien 1980 auf den Weg brachten. Aufbruchstimmung nannte sich das damals und war ein Bruch in der geltenden Perspektive. Den Mensch und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellen, hat es Franz Sedlak, Mitbegründer und heutiger Präsident der ARGE, einmal formuliert: „Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch für sich selber weiß, was für ihn das Beste ist, auch wenn man das nicht immer nachvollziehen kann.“ Menschenwürde kann nicht treffender ausgedrückt werden.

Eigene vier Wände

Wie bei Michael, dem ehemaligen Fotografen. In dürren Worten schildert er dem Österreichischen Rundfunk (ORF), was jedem passieren kann: Autounfall, bei dem Frau und Kind sterben, er selbst überlebt schwer verletzt. Depression, Alkoholismus, das Fotostudio geht verloren. Nach der Rückkehr aus einem der vielen Krankenhausaufenthalte die Erkenntnis:  „Wenn ich in der Wohnung mit den Erinnerungen bleibe, hänge ich mich auf.“ Also eine Tasche gepackt mit „a bissal an Gwand, alles andere stehn und liegn glassn“. Sechs Jahre Straße, zwei Lungenentzündungen und einen Lungeninfarkt später hat er eine Wohnung mit Küche, Bad, WC und Heizung in einem der fünf Gebäude der ARGE.

Häuser, in denen nicht der Anpassungsdruck herrscht, fit gemacht zu werden für einen freien Wohnungsmarkt: „Jeder kann wohnen, wenn er nur eine Wohnung hat – zu lernen gibt es da nichts.“ Unterstützung von geschulten MitarbeiterInnen der ARGE kommt, wenn sie gefragt ist, nicht als Bevormundung. Selbstverständlich ist nur der Mensch mit seinen Bedürfnissen. Weswegen die Bewohner, von der Straße weg und nun ohne weiteres Mieter, Kleintiere (be)halten können. Oder Wein und Bier trinken in der Kantine, dem zentralen Ort des Gemeinschaftslebens eines jeden Hauses. Alkohol ist dort  weder verboten noch verpönt, obwohl er das größte Problem der meisten Bewohner ist. Darauf legt Heinz Tauber, Geschäftsführer der ARGE wert. Der offene Umgang mit der Sucht schließt bereits einen ihrer Faktoren aus, das Stresstrinken. Kein Schmuggeln, kein Verstecken. Nur drei Regeln sind einzuhalten: Die Miete muss bezahlt werden. Es darf keine Gewalt gegen andere ausgeübt werden. Sanitäre Missstände sollen gar nicht erst entstehen oder müssen beseitigt werden. Das sind Rahmenbedingungen, worin Menschen sich entwickeln können, wohin auch immer sie sich entwickeln wollen. Dabei kann man auch trocken werden wie Michael.

Langzeitarbeitslose und ein Kollektivertrag

Die Freiheit, unkonventionelle Ansätze zu verwirklichen, hat sich die ARGE Wien hart erarbeitet, gerade in finanzieller Hinsicht. Aus Klienten der Fürsorge beim Sortieren von Spendenmaterial bei der Caritas machte sie Mitarbeiter und aus dieser Tätigkeit eine gemeinnützige GmbH. Heute ist der Bereich des Vereins, in dem Langzeitarbeitslose eine sie selbst tragende Beschäftigung finden, einer der größten Entrümpeler Wiens – Umzüge, Auflösung von Hinterlassenschaften, Altwarenhandel, eine kleine Werkstatt für Instandsetzungen. Ihr Betriebsgebäude, eine ehemalige Fabrik mit dem hohen Turm zum Erproben der dort früher hergestellten Aufzüge, ist ein Sinnbild. In ihm wird gelagert und wieder zum Ankauf angeboten, wofür andere keine Verwendung mehr gefunden haben. Von jenen bewerkstelligt, die ganz unten sind, nach herkömmlicher Sprachregelung nicht mehr dem ersten Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Sie sind in dauerhafter Anstellung, nach Handels-Kollektivvertrag bezahlt. Dass dabei bis zu acht Nationalitäten gleichzeitig miteinander arbeiten, reduziert den Anspruch auf das Wesentliche: Jeder wie er kann, respektiert als Person und in seiner Würde, in einer flachen Hierarchie. In lichte Höhen kommt man damit nicht. Aber sich selbst aus der Misere ziehen, das geht.

Ohne Geld keine Musik

Das ist menschlich, und es rechnet sich. Bei einem durchschnittlichen Jahresumsatz von rund 1,3 Millionen Euro leistet der Betrieb 390.000 Euro an Steuern und Abgaben. Fielen sie weg, entstünden auf der anderen Seite mit Mindestsicherung, Krankenversicherung oder Schulungsmaßnahmen 300.000 Kosten für die sozialen Systeme. Gelder, nämlich Einnahmen zuzüglich ersparter Kosten bei der öffentlichen Hand, die wiederum zu einem ganz beträchtlichen Teil ein Wohnen in Sicherheit ermöglichen.

Vom ersten Klub für Obdachlose zu deren eigenen vier Wänden, von Aushelfern zum einzigen Sozialbetrieb, der von Fördermitteln unabhängig ist – aus eigener Kraft die Vorreiterrolle übernommen zu haben für die sozialen Netze in Wien. Das war am 11. November ein guter Grund, das Möbellager der ARGE in der Lorenz-Mandl-Gasse für ein Fest herzurichten. Und 30 Jahre durchgehalten zu haben Anlass genug, sich ein paar Freunde einzuladen. Da wo Sandler daheim sind. e2m

 

 [ARGE Wien, Lorenz-Mandl-Gasse 33-35, A-1160 Wien, Ausstellung zum 30-jährigen Bestehen ebenda, zu den Geschäftszeiten des Warenlagers Mo-Fr, 09:00-17:00 Uhr; Ansprechpartnerin  für die Medien: Dr. Isolde Mersi, isolde.mersi@arge-wien.at]

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Written by ed2murrow

22. November 2010 um 11:10

Veröffentlicht in Alltag, Kultur

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Eine Antwort

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  1. […] zur Limousine gebracht. – So eine Passage des Kommentars von j-ap auf den Artikel des Ausrufers über die zurecht große Jubiläumsfeier der Nichtseßhafteninitiative in Wien. Ihr Mitbegründer […]


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