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Europa ist mitten unter uns

Tatort: Wenn Politik „das Kind“ entdeckt

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Der Staat ist nicht in der Lage, die Belange von Kindern angemessen zu berücksichtigen. Das ist dieser Tage die Botschaft des deutschen Ablegers von Innocence in Danger, auf deren Internetpräsenz der Ausruf prangt: „Schützt endlich unsere Kinder!“ verbunden mit einem Sendetermin auf RTL II zum gestrigen Abend.

Eine Plattform und ihr Format

Kinderschutz ist bei RTL II bestens aufgehoben. Der Sender führt unsere Kleinsten mit so erbaulichen Nachmittagssendungen wie Pokémon, Naruto Shippuuden („Naruto hat extreme Fortschritte gemacht und ist zu einem sehr guten und coolen Ninja geworden“) oder Hot Wheels: Battle Force 5 („Er bleibt in einer Kristall-Kampfzone zurück, um Kalus und seine Vandals abzulenken“) zartfühlend an die harten Realitäten des Lebens heran.

Nun war es an den Eltern, an die dunklen Seiten des virtuellen Leben ihrer Kids im Netz herangeführt zu werden Unter sachkundiger Leitung von Stephanie zu Guttenberg (Präsidentin von Innocence in Danger e.V.), der Journalistin Krafft-Schöning (NetKids) und dem ehemaligen Hamburger Polizeipräsidenten und Innensenator Udo Nagel wurde demonstriert: Das Böse, das es auf die Unschuld absieht, lauert in Chatrooms. Und weil Eltern es offenbar nicht anders verstehen, im Format der Live-Investigation. Das ist beim Sender bestens bekannt, nach dem Plot liefen bereits Sendungen wie „Dog – der Kopfgeldjäger“ oder „Cheaters – beim Fremdgehen erwischt“; das amerikanische Vorbild für den Auftritt Guttenbergs & Co., „To catch a predator“, muss erst gar nicht bemüht werden.

Moral statt Aufklärung

Wer das Glück hatte, die Sendung nicht zu sehen, kann sich über den Ablauf bei Johannes Kuhns sachkundigem „Frau zu Guttenbergs Bulldozerfahrt“ in der SZ informieren. Ein „gesellschaftlich relevantes Format, das aufrüttelt, schockiert und alle betrifft“, so der Pressetext des Senders, war es jedenfalls nicht, sieht man davon ab, dass mit der Gattin des derzeitigen deutschen Verteidigungsministers eine prominente Mutter ihr Weltbild ausstrahlen durfte. Denn wie Prävention tatsächlich zu funktionieren hätte, blieb ausgespart. Es wäre das Erlernen des altersgerechten Umgangs mit den sog. „neuen Medien“. Dies setzte freilich voraus, dass die Eltern selbst den richtigen Umgang etwa mit dem Netz erlernten und nicht stets von Neuem in Nepperfallen, Bauernfängereien und dubiose Geschäftsmodelle tappten. Dass es eigentlich an der Zeit wäre, diese sog. „Neuen Medien“, die so neu nicht mehr sind, als tatsächlichen Bestandteil des täglichen Lebens zu begreifen, auf den man sich einzurichten hat, wie bei Verkehrserziehung oder Sexualaufklärung – Wenn das die Eltern nicht schaffen, und das scheint ja letztlich der Subtext der Sendung zu sein, dann eben per Pflichtschulfach.

Dies interessiert die Dame zu Guttenberg offensichtlich nicht. Die auf den Seiten des Vereins angebotenen Down-Loads, die man wenigstens als Begleitmaterial begreifen könnte, ähneln vielmehr einem Rezeptarium des guten Benimms, sind aber keine Hilfe zur Selbsthilfe, nicht einmal eine wirkliche Anregung. Dort, wo die Keimzelle des Anliegens liegt, beim französischen Innocence en Danger, ist man immerhin soweit, konkrete Angebote zu machen, wenn etwas fürchterlich schief zu gehen droht: Eine kostenlose Kindernotrufnummer („Allô Enfance Maltraitée“), die landesweit gilt, kostenlose juristische Beratung und, wenn unmittelbare Gefahr droht, ein direkter Link zur Signalisierung tatsächlich oder vermeintlicher illegaler Inhalte im Netz.

 Noch ominöser wird es bei NetKids, wo Chats, Urteile des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte und „Gutmenschen“ unter Titeln wie „Menschversuche“ zu einer schwiemligen Moral zusammengeschustert werden. Die Krönung ihres Schaffens sieht die Seite in der Veröffentlichung von „Täterscreens“ nebst Nicknames von Personen, die in Chats auffällig geworden sein sollen: „Grundlage für die Aufnahme in dieser Auflistung ist der Nachweis der sexuellen Ansprache“. Dass bei derart moralinsauren Revivals von „Bäh, das tut man nicht“ die jugendliche Neugier und Trasgressionslust erst recht angeheizt wird, dieser Gedanke scheint die Macher all dieser Unsäglichkeit nicht einmal zu streifen.

Die Kontinuität zwischen den Medien

Bei Kenntnis des neuen, prominenten Personals bei RTL II reiht sich die Sendung zwanglos ein in die Artikelserie der F.A.Z., die sich mit dem Signet FSK12 ausgiebig beschäftigt. Dort heißt es: „Die Leute, die entscheiden, dass präpubertäre Kinder diese Szenen sehen und hören dürfen, heißen FSK-Prüfer. Die einen, immer drei von sieben, kommen aus der Filmindustrie, deren Freiwillige Selbstkontrolle die FSK ist. Die anderen haben der Staat, die Kirchen oder andere Einrichtungen beauftragt.“ Es müsse ja wohl anders auch gehen können, suggeriert ein anderer Artikel, der einen ehemaligen Ministerpräsidenten einbezieht: „Koch meinte sinngemäß, das sei doch schon fast Schnee von gestern, wenn man sich vor Augen halte, was sich jedes Kind im Internet an Pornographie, Perversion und Gewalt anschauen kann. Es war nur eine betrübte Feststellung, aber so ungefähr argumentiert auch die FSK, um ihre hanebüchenen Entscheidungen zu legitimieren.“

Welche Szenen konkret gemeint sind und wie die Redakteure der F.A.Z. zu ihrem Urteil gelangen, ist natürlich nur gegen Bezahlung zu erfahren. Der Freitag hat es gelesen und kommt zu dem Ergebnis:  „Ein Skandälchen“. Leider weit gefehlt. Denn bei Lektüre alleine der Teaser zu den unter dem Stichwort FSK gefundenen Artikeln versammeln sich dort nicht nur die Politiker, die in dieser unseren Regierung als konservativ angesehen werden, sondern eine neue, populäre Wahrnehmung: Wir Mütter und Väter JournalistInnen fühlen uns von diesem Staat im Stich gelassen, also nehmen wir die Sache selber in die Hand. Auf die Idee, einen Film selbst anzuschauen, bevor man ihn verschenkt, kommt freilich niemand, so viel wichtiger ist die Botschaft, dass man sich nicht einmal mehr auf das FSK (und damit Staat und Kirchen) verlassen könne. Paradoxer kann man ein Thema gar nicht angehen.

Dieser Tage erleben wir in Wirklichkeit nur eines, die Berlusconisierung der veröffentlichten Meinung: Schlagwortartig, auf öffentlichen Pranger bedacht, prominent bis in höchste politische Kreise und deren Angehörige besetzt und hübsch anzuschauen. Der Populismus ist in Deutschland um eine Nuance reicher, mit Kindern als Vehikel.

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Written by ed2murrow

8. Oktober 2010 um 13:12

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