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Europa ist mitten unter uns

Gestern Feiertag, heute Montag

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(Wo die DDR noch einen Schabowski hatte, kennt D nur noch Wendehälse und Gewalt: Im Westen; warum der 3. Oktober kein Feiertag sein kann)

 

Tage, an denen Bedeutung fest gemacht wird, gibt es, seitdem Zeit gerechnet wird. Geburts- oder Todestage, der Tag, an dem Papa heim kam. Bei Feiertagen, die von Staaten ausgerufen werden, schwingt immer ein anderer, ein besonderer Ton mit, der mit der Kommemoration eines bestimmten, meist als historisch angesehenen Ereignisses einhergeht, um Bedeutungsschwere zu erlangen. Für die Italiener etwa die Volksbefragung am 2. Juni 1946, als sie  aufgerufen waren, zwischen Monarchie und Republik zu entscheiden. Zu Frankreich wäre die Ambivalenz zu klären, dass der 4. Juli zwar die Fête de la Fédération von 1790 ausweist, aber immer auch den Sturm auf die Bastille am gleichen Tag, nur ein Jahr vorher meint. Henri Martin, im französischen Senat 1880, zu seinen Kollegen: „Vergessen Sie nicht, dass hinter diesem 14. Juli, zu dem der Sieg einer neuen Ära über das alte Regime steht, mit einem bewaffneten Kampf erkauft wurde, vergessen Sie nicht, dass es nach dem Tag des 14. Juli 1789 einen Tag des 14. Juli 1790 gegeben hat.“

Der Tag, an dem Mauern fielen

Wollte man das, was alljährlich als „Tag der Einheit“ gefeiert wird, tatsächlich mit einem besonderen Ereignis assoziieren, so müsste es jener Abend sein, als Menschen, zumindest für ein paar Stunden, in völliger Freiheit zueinander fanden; und just bevor sie wieder in die jeweilige Logik des „Wie soll es weitergehen“ und damit in Politik zurück sanken. Dass es möglicherweise ein Irrtum war, der die kurze Euphorie erst ermöglichte, wäre kein Hinderungsgrund für gute Stimmung, im Gegenteil: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich“ von Günter Schabowski ist nämlich nicht nur die schönste Form des errare humanum est gewesen, weil dadurch seit langer Zeit Politik einen sehr humorvollen Zug bekam. Sondern weil die Hast, die den Irrtum erst erzeugte, von den lang anhaltenden, friedlichen, aber nicht weniger tiefgreifend ernst gemeinten Skandierungen von Menschen auf der Straße getrieben war: „Wir sind das Volk“ sprach alle an, es sollte von jedem gehört werden, es wurde überall erhört.

Davon will freilich heute kaum mehr jemand etwas wissen, der an Hebeln der Macht der vereinten Republik sitzt. Denn als die Ordnungskräfte im Schlosspark zu Stuttgart drei Tage vor dem offiziellen 20. deutschen Gedenktag wahllos und blindwütig attackierten, trafen sie auf genau das Volk, das die hoffnungsvolle Seite der Botschaft vom 9. November 1989  verinnerlicht hatte: Dass jeder friedlich seine Meinung gegen Planungen, Eingrenzungen und Gesetzmäßigkeiten kund tun darf, ohne sofort unmittelbare Gewalt erfahren zu müssen. Die Arroganz der Macht hingegen ist in ihrer Kontinuität unbelehrbar geblieben, so haben wir nun gelernt. Nicht nur die Bilder der Pressekonferenzen der Rechs, Grubes oder Mappus‘ ähneln im hier und heute jenen beliebiger Granden der DDR bis auf den möglicherweise eleganteren Schnitt der Kleidung. Auch der Ton ist identisch, wenn Legalität und Legitimität nur als Argument geführt werden, die vermeintlich illegitime oder gar illegale anderweitige Ansicht zu denunzieren. Die entscheidende Frage über die Zeit hinweg stellt sich somit nicht: Wie anders wäre die Geschichte ab jenem Novemberabend womöglich verlaufen, wenn an den Grenzübertritten Bornholmer Straße oder Waltersdorfer Chaussee die Grenzpolizei so durchgegriffen hätte wie die jungen Beamten in Stuttgart, die am „Tag, als die Mauer fiel“, noch gar nicht geboren waren? Vielleicht nur ein weiterer „17. Juni“, möglicherweise weit Schlimmeres?

Geschäftsmäßigkeit von Gewalt

Das Skurrile dieser Tage ist, dass sie von Leitlinien der Politik einer Kanzlerin bestimmt werden, die sich weder auf eine „Gnade der späten Geburt“ in analoger Anwendung oder sonst auf Fremdheit der Materie berufen kann. Sie war integrierter, böse Zungen behaupten: integrierender Bestandteil des untergegangenen Staates, der das Attribut „demokratisch“ im Eigennamen führte. Und nun, da sie 20 Jahre lang integrierter und erkennbar integrierender Teil im demokratischen Subtext des Namens Deutschland  ist, übt sich Angela Merkel expressis verbis im Bau eines neuen Glaspalastes, wenn auch im Souterrain. Symbolik hier wie dort, heute wie damals, vom Gespräch mit den Menschen, dem Volk keine Spur. Nur ist jetzt keine Flucht mehr davor möglich, es gibt nur noch diese eine Republik. Und keinem fällt ein, auch nicht auf der Seite früherer Befürworter und plötzlicher Gegner von Stuttgart 21, dass ausschließlich die Mechanismen wieder Platz greifen, die schon Wackers- oder Brokdorf kennzeichneten: Gewalt und Gegengewalt, aus welcher Perspektive auch immer. Sie können nicht anders, es sind Wendehälse. Aber diesmal aus dem Westen.

Es liegt schon eine gewisse Logik darin, den 3. Oktober als Termin benannt zu haben. Eingezwängt zwischen drohenden Volksbekundungen durch Wahlen, dem Menetekel, bankrott zu gehen und der KSZE-Außenministerkonferenz am 2. Oktober, konnte in der Agenda nur der nächstmögliche und –erreichbare Termin eingetragen werden. Ganz wie ein Bilanzstichtag bei der Fusion von Unternehmen, zu der es im Gesetz heißt: „Die Vertretungsorgane der an der Verschmelzung beteiligten Rechtsträger schließen einen Verschmelzungsvertrag“. Es bedarf keiner besonderen Phantasieleistung, das vorgegebene „business as usual“ durch den übernehmenden Rechtsträger zu erkennen, gerade jetzt, 20 Jahre nach der friedlichen Revolution, die vom Osten ausging; mit dem willkommenen Nebeneffekt, die Gründe, weshalb es zu diesem einzigartigen Ereignis kam, in Vergessenheit geraten zu lassen. Daher sollte es auch nicht verwundern, dass der 9. November nur deswegen nicht in die engere Wahl kam, weil ein Anstreicher aus Braunau an dem Tag 1923 meinte, putschen zu können.  Als Revanche gegen die, die taggenau 1918 die Republik zu Weimar ausgerufen hatten. Von den Franzosen und ihrem Selbstbewusstsein gäbe es vielleicht doch noch zu lernen.

Irgendwo ein Licht

Also alles nur Verdrängung? Als mit dem julianischen Kalender feststand, dass die Wintersonnwende auf den 25. Dezember fällt, war es für das antike Rom nur natürlich gewesen, genau dann die Feierlichkeiten zum Dies Natalis Invicti zu Ehren des unbesiegten Sonnengottes zu begehen. Und die Christen, ganz schlau, bestimmten den unbekannten Geburtstag des Herrn ebenda, weswegen wir seit geraumer Zeit Natale, Weihnachten feiern und dazu singen „Welt ging verloren, Christ ward geboren“. Was zeigt, dass schon immer und jeder für sich „Mächte der Finsternis“ zu bekämpfen hatte. Vielleicht ist es auch nur Zeit, wieder Kerzen in die Fenster zu stellen. Bis zu dem Tag, da Kommemorationen nicht mehr notwendig sein werden, vor allem keine verlogenen.

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Written by ed2murrow

4. Oktober 2010 um 11:45

Veröffentlicht in Deutschland, Politik

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