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Europa ist mitten unter uns

Aufgefasst und abgebissen, die 35. KW in Italien bis Freitag

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Gestatten? Fieber, Lotto Fieber. Wieder einmal. Aber dazu später.

 Geld sieht Gheddafi, Muammar Gheddafi ganz anders, nämlich missionarisch. Bei seinem abendlichen Spaziergang auf der Piazza Navona am vergangenen Sonntag meinte er: „Der Islam werde die Religion Europas“. Das muss man an seiner Stelle auch sagen, wenn man von Menschen umringt ist. Erster Ring: Body Guards. Zweiter Ring: 500 Hostess mit KoranHostessen, von einer Agentur für 70 Euro pro Kopf angeheuert. Dritter Ring: Polizei. Vierter Ring: Journalisten. Dafür gab es Gratiskopien seines Konvoluts, auf dem in güldenen Lettern auf Italienisch „Glorreicher Koran“ prangt. Stilsicher die Farbe des Einbands, blau. Ob man ihm als Gegengeschenk Dantes Göttliche Komödie mitgibt? Da ist auch viel von Religion und Kreisen die Rede. Wahrscheinlich nicht. Berlusca nennt das Folklore (und erweist sich wie selten genau in der Beurteilung). La Repubblica schreibt: „Keine andere westliche Diplomatie toleriert und ermutigt die pittoresken Exzesse des Möchtegerndikators, die die eigene Hauptstadt zum Zirkus degradieren“. Das sieht Il Fatto Quotidiano etwas differenzierter. Die italienische Geschäftswelt habe allen Grund zu einer gewissen Sympathie für Gheddafi. Durch Erhöhung der Beteiligung an Unicredit auf 7,05% habe die  Lybian Investment Authority die Bank vor dem Zusammenbruch gerettet. Andere Beteiligungen sind im Gespräch, wie etwa 10% an ENI, dem größten Industrieunternehmen Italiens in staatlicher Hand, überwiegend auf dem petrochemischen und stromerzeugenden Sektor tätig. Da sind, so besehen, 500 junge Frauen und nicht ein Buch eine adäquate Morgengabe, wird man sich gesagt haben. In Rom, der ewigen Stadt.

Wird bei sich auch Silvio Berlusconi denken, denn er wird den hohen Staatsgast nicht nur als Ministerpräsident empfangen haben, sondern gleichzeitig als Minister für wirtschaftliche Entwicklung. Es ist nun 120 Tage her, da der Amtsinhaber Claudio Scajola zurücktreten musste, da er mit zuviel Geld im privaten Säckel erwischt wurde. Berlusca übernahm spontan „ad interim“ und ist es bis heute: Der unmittelbare Ansprechpartner für die gesamte staatliche Industrie und das Transportwesen. Man darf sich sicher sein, dass selbstbewusste Männer mit Gespür für Patronage wie er und der libysche Oberst sich schnell einig werden; wenn Minister rotieren, schlägt Glücksfee Silvio erbarmungslos zu.

Wer das Alles nicht hat, sich den Lottowisch nicht leisten kann, Zahlenspielen ohnehin misstraut oder einfach nur gesundes Essen will, sucht Pilze; in zehn Tagen 18 Tote durch giftige. Und da schreibt einer hierzulande, Deutschland schaffe sich ab. Man sollte wieder in den Klassikern kramen und sich darauf besinnen, dass Pilze ein wahrhaft königliches Gericht sind. Auch bei uns ist bald Schwammerlzeit, ob mit oder ohne Semmelknödel.

Ein Lotteriespiel ist zunehmend das Gesundheitswesen. In Messina, dort wo demnächst die Brücke nach Sizilien gebaut werden soll („Bauwerk des Jahrtausends“) haben sich in der Poliklinik die zwei diensthabenden Ärzte über die Frage der Notwendigkeit eines Kaiserschnitts derart in die Haare bekommen, dass Fäuste und Stühle flogen. Während das gesamte Personal versuchte, den Streit zu schlichten, blieb die Gebärende sich allein überlassen. Der Vater: „Die zwei Ärzte sind mir entgegen gekommen, um mir mitzuteilen, dass meine Frau wohlauf und mein Sohn ein schönes und gesundes Kind sind. Zwanzig Minuten danach entdecke ich, dass man meiner Frau die Gebärmutter entfernt hatte und dass mein Sohn zwei Mal einen Herzstillstand erlitten hat“. Das ist den letzten Tagen der spektakulärste Fall. Symptomatisch für ein Land, wo Parteien als Doktoren diskutieren, während das Leben keinen Aufschub duldet.

Und weil Geburt, wie wir sahen auch der Ort, ein Glücksspiel ist: Carla Bruni, die Paolina Borghese unserer Tage, darf sich besonderer Aufmerksamkeit erfreuen. Kayhan, eine Teheraner Tageszeitung meint,  die (Originalton:) „italienische Hure“  „verdient den Tod“. Weil sie sich öffentlich für Sakineh Mohammadi-Ashtiani einsetzt. Lesarten zufolge verbindet die Frauen die freie Wahl ihrer jeweiligen Partner. Die römische Tageszeitung La Repubblica allein hat mittlerweile über 80.000 Unterschriften beisammen. Nicht um die Ehre der Italienerin Bruni, sondern um Frau Sakineh vor der Steinigung zu retten. Vor der iranischen Botschaft in Rom ist eine Mahnwache aufgezogen, vom Balkon des Gleichstellungsministeriums hängt seit zwei Tagen ein übergroßes Bild mit der Aufschrift: „Für das Leben von Sakineh“. Gossip? Lotterie des Lebens?

128,5 Millionen Euro ist er schwer, der Pot namens Jack. Busladungen aus Süddeutschland fahren Richtung Brenner, dort ist die nördlichste Spielstation Italiens, genau auf dem Pass, wo einst ein Luftkurort war. Mit den Milliönchen ließe sich so manches Wehwehchen kurieren. Vorschlag zur Güte: Wenn Sie von München aus fahren, sind es rund 3 Stunden bis Brixen, 20 Minuten später sind Sie in Bozen. Um sechs los, sind Sie zur besten Frühstückszeit bei der kleinen Bar neben der Santa Maria Assunta oder in den Gewölbegängen der Via die Portici. Sie haben dann Zeit, den Wisch auszufüllen, Obst und Gemüse einzukaufen und am Nachmittag auf Castel Firmiano im Messner Mountain Museum etwas über Umwelt- und Kulturzerstörung zu erfahren. Oder Sie bleiben zu Hause, denken über die Chancen von 1 zu 622 Millionen nach und warten auf den Blitz, der Sie mit Sicherheit eher trifft.

Sollte es doch noch einen Gewinner der Lotterie diese Woche geben, er möge sich keinen Ferrari kaufen. 1248 Exemplare des „458“ sind zurückgerufen worden, weil die Hitze am Auspuff Klebstoffe am Hinterradkasten entzünden. Gebraucht kostet die Kiste rund 200.000 Euro, selbstgefackelt nichts, das ist echte Geldentwertung.

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Written by ed2murrow

3. September 2010 um 08:55

Veröffentlicht in Europa, Italien, Kultur, Politik

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