ed2murrow

Europa ist mitten unter uns

In Schönheit sterben und vererben

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Die Südthüringer Zeitung vom 17.08. („Bislang wenig fundiert“) bringt ein Interview mit Birgitta Ringbeck, Beauftragte der Kultusminister-Konferenz für das Weltkulturerbe. Ihre Kernthese zum Disput Wartburg vs. Windkraft: „Die Frage, ob die Beeinträchtigung oder die Nicht-Beeinträchtigung fachlich fundiert abgewogen worden ist. Ich empfehle in solchen Fällen, Landesplaner mit einer Sichtfeldverträglichkeitsstudie zu beauftragen.“

Der Dresdner Brückenstreit, wollte man ihn tatsächlich noch einmal auf Sachlichkeit hin abklopfen, böte in puncto Sichtverträglichkeit einen exemplarischen Ausschnitt. Nachdem die deutsche Sektion des Internationalen Rates für Denkmalpflege (ICOMOS), ein nicht eingetragener privatrechtlicher Verein, dem Welterbekomitee Anfang 2006 in Bezug auf das Dresdener Elbtal eine „Denkpause“ anempfohlen hatte, wurde von Seiten der UNESCO ein „Sichtfeldgutachten“ in Auftrag gegeben. Das Ergebnis, das noch im selben Jahr vorgelegt wurde, ist auf den Seiten der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule nachzulesen. Dort heißt es: „Zunächst muss noch einmal deutlich gemacht werden, dass dieses Gutachten die Aufgabe hatte, die visuellen Auswirkungen des geplanten „Verkehrszugs Wald­schlösschenbrücke“ auf das Weltkulturerbe „Dresdner Elbtal“ zu überprüfen und einzuschätzen. Die zusammenfassende Stellungnahme kann deshalb nicht verkehrs­strukturelle, wirtschaftliche und rechtliche Aspekte reflektieren, ebenso nicht in den visuellen Auswirkungen ungeprüfte Alternativen aufzeigen. Die Stellungnahme resultiert aus der Auseinandersetzung mit einem Gesichtspunkt, der allerdings für den sichernden, pflegenden und entwickelnden Umgang mit den Qualitäten des Weltkulturerbes von besonderer Bedeutung ist.“

Wenn es so wäre, dass der „eine Gesichtspunkt“ den „entwickelnden Umgang“ für alle Zukunft sicherte, denn Welterbe will auf Generationen angelegt sein, müsste man  in der Lage sein, den Aspekt auch zu benennen. Einen Hinweis darauf, was stellvertretend „Sichtfeld“ genannt wird, bietet ICOMOS Deutschland selbst. Deren Präsident Michael Petzet, Jahrgang 1933, stand nicht nur einige Jahre dem Weltverband vor, sondern war vor allem hauptberuflich 25 Jahre lang Generalkonservator des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege sowie langjähriger Mitarbeiter der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung. Sein Vize Jörg Haspel ist Berlins oberster Denkmalschützer, Generalsekretär Werner von Trützschler leitete das Referat 5 (Kultur, Kunst und Kirchenangelegenheiten) des Thüringer Kultusministeriums. Heute leitet er dort das Referat 2. Bei drei profilierten Denkmalschützern als Kopf darf gefragt werden, wie ernst es gemeint ist mit „ICOMOS is a network of experts that benefits from the interdisciplinary exchange of its members, among which are architects, historians, archaeologists, art historians, geographers, anthropologists, engineers and town planners“.  Zwar wird Haspel auch mit Worten wie „Denkmalpflege ist nicht nur ein Ergebnis, sondern immer auch ein Prozess, in dem verschiedenste private und öffentliche Belange abgewogen werden. Manchmal leben wir mit einer zweitbesten Lösung besser als mit ausbleibenden Investitionen oder anhaltendem Leerstand“ zitiert. Das Schreiben Petzets an die Thüringer Landesregierung Anfang des Monats wegen zweier Windmühlen in 8 km Luftlinie von der Wartburg lassen aber einen ganz anderen Schluss zu: Alles, was in Sichtweite der Wartburg ist, darf nicht mehr verändert werden, basta. Dass heute Bayern das Bundesland mit dem geringsten Anteil an Windenergie ist und im übrigen in Sachen Regeneration von der Wasserkraft lebt, die teilweise bereits im 19. Jahrhundert nutzbar gemacht wurde, zeigt die Ausrichtung der insoweit beratenden Denkmalschützer.

Unabhängige Gutachten besitzen stets Charme. Denn einerseits entlasten sie die Politik, indem sie Grenzen des Machbaren aufzeigen oder Horizonte der Möglichkeiten eröffnen, ohne dass unmittelbar Beteiligte sich zu sehr aus dem Fenster lehnen müssten. Sie legen den nicht widersprechbaren Sachzwang fest. Andererseits verleihen Sie Argumenten, wenn denn solche überhaupt noch ausgetauscht werden, den Glanz distinguierten Sachwissens. Wobei es aber immer darauf ankommt, und das scheinen alle jene zu vergessen, die den unabhängigen Gutachter zur Konfliktlösung wie einen Deus ex machina herbeirufen, dass es ganz wesentlich auf die Fragestellung ankommt, mit der sich die Experten zu befassen haben.

Das sollte, auch um der Befriedung willen, berücksichtigt werden: Denkmalschutz, selbst wenn er im Gewand der UNESCO daher kommt, kann immer nur ein Gesichtspunkt sein, der über die Entwicklung eines Gemeinwesens entscheidet. Bei der Frage, was tatsächlich daraus für ein Erbe werden soll, also das, was wir künftigen Generationen hinterlassen, könnte ja eine Rolle spielen, dass der Wald um die Wartburg zwar schön ist, aber nicht ausdrücklich geschützt, weder von der UNESCO noch von anderen. Im Gegenteil: Waldfrüchte sind nach Tschernobyl noch immer nur mit Vorsicht zu genießen, auch für die Spätgeborenen ein strahlendes Erbe.

 

P.S. für die eher praktisch veranlagten Leser: Natürlich kann man sich ein Bild via Google-Earth machen. Die Wartburg über Eisenach ist gekennzeichnet. Der Milmesberg liegt 8 km Süd-Süd-West davon, zwischen den Dörfern Marksuhl und Eckardtshausen. Das in meinem Vorartikel angezeigte Bild mit der schönen Landschaft und den fast unsichtbaren Windrädern findet sich hier:
www.csu-waldthurn.de/Gemeinderat/2009/01_2009/Sitzung_01_2009.htm
Anhand der Größenverhältnisse sieht das geübte Auge, dass der Abstand vom (erhöhten) Sichtpunkt ca. 3 km beträgt.

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Written by ed2murrow

19. August 2010 um 22:37

2 Antworten

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  1. Mal so nebenbei: Am Freitag auf der Autobahn sah ich nach dem ersten Wartbug-Artikel die Windkrafträder mit neu-wachen Augen. Schöne Mühlen für den Energiefrieden.
    Und heute abend saß ich zu grillender Geselligkeit in einem Garten, der stündlich von der kaum entfernten katholischen Kirche mit Lärmemissionen belästigt wurde, daß jedes vernünfige und frohe Gespräch erstarb.
    Und das lag nicht daran, daß der Wind in die falsche Richtung blies.

    rainer kühn

    21. August 2010 at 22:58

    • Lieber Rainer Kühn,
      die erste Mühle, die ich je sah, war die bei München auf dem Müllberg. Jetzt steht da in der Nähe die Allianz-Arena. Außer eben jenem gigantischen Abfallhaufen und dem Autobahnkreuz war alles noch grüne Wiese. Mittlerweile ist die auch bewohnte Stadt nach Norden gewachsen, die Neubaugebiete sind in Steinwurfweite. Was also zu Bauzeiten bestenfalls auf einen Müllhaufen paßte, ist klaglos Bestandteil der City geworden. Ein paar Pylone mehr sind’s auch geworden. Sinnbild dafür, dass aus Dreck, solange er nicht giftig ist oder strahlt, mehr werden kann als nur Wurmfutter oder Metangaslieferant.
      Für die „neu-wachen Augen“ danke ich Dir!
      e2m

      ed2murrow

      22. August 2010 at 10:46


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