ed2murrow

Europa ist mitten unter uns

Beruf(ung)swahl Koch oder Gärtner

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Das Streiflicht ist eines jener Fundstellen in Sachen Wortakrobatik, für die alleine sich der Kaufpreis zu den restlichen fünfzig oder mehr Seiten der Süddeutschen Zeitung lohnt. Wer das Vergnügen gehabt hat, gestern Abend die Laudatio von Hermann Unterstöger auf Gerhard Polt beim diesjährigen Bayerischen Kabarettpreis zu hören, weiß auch warum: Es gilt, mit Heraklit Brücken zu schlagen, von den Vorsokratikern hin zu Holzfaserplatten, um das Werk(en) Polts zu beschreiben. Tiefsinn mag es sein, Hintersinn trifft es auch, etwas das in jedem Fall Lust auf mehr macht. Für alle Beteiligten, Publikum wie Akteure.

Kochrezepte sind da ein wenig  anders. Denn, es geht immer und zuerst ganz prosaisch um Nahrungsaufnahme, so die Überzeugung. Alles weitere sei, mit der heutigen geistigen Strömung gesprochen, spätrömische Dekadenz. Als ob es nur einen Apicius gäbe und nicht gleichzeitig einen cliens Martial, der mit Blick auf die politische Konkurrenz über den Spargel zu schreiben wusste: „Die zarte Stange, die am Meer bei Ravenna wuchs, wird nicht köstlicher als der wilde Spargel sein.“ Im gleichen Maß hat man sich daran gewöhnt, das, was Gärten hergeben könnten, als Ware vom Fließband zu nehmen. Nicht mehr die Sorte Sammarzano für einen richtigen Sugo oder Pachino für einen bunten Salat ist gefragt, sondern die „Strauchtomate“ aus dem Brutgehege, dritte Reihe rechts, Glashaus sieben. Im verregneten Norden mit Blaulicht statt Sonne.

Gegen solche Verarmung im Geiste und die Freudlosigkeit bei Tisch kann etwas getan werden. In ihrem wunderbaren kleinen Kunstwerk zur italienischen Küche meint Isolde von Mersi, dass „Fantasie auch das schlichteste Alltagsgericht würzen“ kann. In der Weise, wie sich in der Freitag der kochende Jörn Kabisch der Salzkartoffel oder der Linse annimmt, kommt diese Zutat auf keinen Fall zu kurz. Die Knolle wird zur Erinnerung an eine unbeschwerte Kindheit, die Hülsenfrucht zum Feldkaviar. Jakob Augstein fällt der schwierigere Part zu: Als Gärtner und entschiedener Befürworter naturnaher Pflanzung verbringt er Teile seiner Zeit zwischen Hoffen und Bangen, ob das, was in den Wintermonaten erdacht tatsächlich ab Frühling wächst und gedeiht. Was ihn bei dem strategischen Spiel auf fachfremde und doch nahe Gebiete wie Wetter– oder Materialkunde am Beispiel schwedischer Axt bringt, Selbstverletzungen inklusive. Ein köstlicher Mix von der Saat bis in den Teller.

Dass das funktioniert, scheint auch die SZ gemerkt zu haben, die seit knapp zwei Monaten erscheinende Kolumne Freitagsküche (sic) beweist es. Woran man sieht, dass Anlehnung nicht nur eine Spezialität junger aufstrebender Schriftstellerinnen ist. Bei freitag.de kann man aber mit Koch oder Gärtner in den Dialog treten, der aus einzelnen Zutaten erst die Création macht, die mit dem schreibenden Leser. So wie eine tägliche Glosse links oben auf einer ersten Seite: Eben ein Unikat, und damit allein schon jedes Lesen wert.

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Written by ed2murrow

31. Juli 2010 um 14:54

3 Antworten

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  1. Herzlichen dank, lieber ed2murrow:

    Weil Sie Isolde von Mersi zitieren, darf ich Ihnen noch ein tolles Buch über die italienische Küche empfehlen: Delizia von John Dickie. Inklusive einiger toller Geschichten zur nationalen Einigung des Stiefels via Kulinarik. Sehr lesenswert, wie ich finde.

    Schöne Grüße, JK

    Jörn Kabisch

    2. August 2010 at 11:55

    • Lieber Jörn Kabisch, vielen Dank für die Anregung, das kannte ich noch nicht. Da der Tip von Ihnen kommt, wird es mir sicher ein Festmahl sein. Ihr e2m

      ed2murrow

      2. August 2010 at 12:29

  2. ja mei, der polt, das is doch einer wie der dings … der dings …, oder. der aus bad hausen? bad hausen mit der salzkartoffel!

    r. kuehn

    5. August 2010 at 00:14


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