ed2murrow

Europa ist mitten unter uns

Von Luftschlössern und Lustgärten

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Ich will in meiner Hauptstadt kein Schloß. Also, nicht dass Sie meinen, ich wollte, dass in Berlin alle Büros, vor allem die im Reichstagsgebäude, das eigentlich das des Bundestags ist, unverschlossen bleiben sollten. Wer braucht denn noch mehr Transparenz nach einem Tag der offenen Tür oder einem Besuch auf der gläsernen Kuppel samt souveränem Blick von oben. Nach dem Schlange stehen und vor Essen fassen im weltweit einzigen Parlamentsrestaurant fürs Volk. Man munkelt zwar, das sei installiert worden, bevor es die Bundesverwaltung überhaupt gemerkt hat. Aber das ist nur böses Geschwätz von denen, die behaupten, dieser Republik sei ab 1990 die Wirtschaft aufs Dach gestiegen.

Oder landsmannschaftlich bedingt, denn der Verfasser dieser Zeilen ist in München geboren. Damit hat er sich das Recht erworben, bei seiner Hauptstadt mitreden zu dürfen. Im Gegenzug würde ein echter Münchner es sich nie bieten lassen, dass ihm ein Berliner dreinredet, wenn es etwa um den Englischen Garten ginge. Denn der ist nicht nur ein Gesamtkunstwerk in Natur. Er ist dank seiner  Nachbarschaft vielmehr Sinnbild bestehender Verhältnisse. An einem Eck die Generaldirektion der Allianz, gleich daneben die der Münchner Rück, zusammen ein Umsatz in 2009 von rund 70 Milliarden Euro, schräg gegenüber das Seehaus, wo so manche hausinterne Feier der Assekuranzen abgehalten wird. Und dazwischen das Wegelabyrinth, auf dem es eine Lust ist, zu wandeln bei all der gehobenen Anl(i)egerschaft. Berücksichtigt man, dass der Frittenbrater hoch über dem Rednerpult des Bundestages ebenfalls aus München kommt, dann sind die Kräfteverhältnisse in dieser Republik klargestellt und festgezurrt.

Was wollte da Berlin mit einem Stadtschloss noch kompensieren, das zumal auf  Ruinen gebaut wäre: Auf denen zweier Gebäude, die ganze Epochen des Untergangs kennzeichnen, den jeweils eigenen per Sprengmittel inklusive. Hat man doch zurzeit schon  Probleme, sinnvolle Verwendungen für bereits bestehende Prachtbauten zu finden. So sucht derzeit eine ganze Nation nach dem frühzeitigen Auszug des Hauptbewohners, der sich um Kragen und Wohnrecht redete, händeringend einen geeigneten Nachmieter für Schloß Bellevue („schöne Aussicht“). Zur Auswahl stehen, wie man hört, einer, der das Reden gerade erst zu lernen scheint, ein anderer, der  soviel redet, dass es jetzt schon nach Rechtfertigung klingt und eine Dritte, die, vom Ergebnis her besehen, eigentlich gar nichts zu sagen hat. Man ist versucht, den Sparsinn, der in blinder Weisheit schon das Projekt der alten Kaiserresidenz  erfasst hat, auch hier anzuwenden und einer ganzen Bundesversammlung zuzurufen: „Spart es Euch, es kommt nicht Besseres nach!“. Vergebene Liebesmüh‘, fürchte ich, von München aus besehen.

Dabei wäre es so einfach: Renaturierung von Flächen und die Pflege von Landschaften mit schöner Aussicht sind das eigentliche Naturell, das den Berliner ausmacht. Was er aus einem Sumpf und ganz ohne Hilfe der Römer zuwege gebracht hat, kann dem vorbildlichen Gärtner und seiner Sparte nur zum Ruhme gereichen. Auch wenn er, ganz politisch korrekt zum Klimawandel gerade (s)eine my(s)tische Phase auslebt: Die der Meteorologie – Herr, laß Hirn vom Himmel regnen.

(alternative ending could be written on common demand)

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Written by ed2murrow

29. Juni 2010 um 15:36

Veröffentlicht in Deutschland, Politik

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2 Antworten

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  1. In der Mondphase sind alle Gärten grau, sagt ein Graffito am hiesigen Schlosse in einer Gedankenhaft zu mir. Ob´s wahr ist vielleicht gar nicht wichtig, daß es Glück macht wohl eher. Und nach Berlin fahren alle ja eh nur zum Pokalendspiel.
    Als Gruß aus Westfalen
    Rainer Kühn

    rainer kühn

    30. Juni 2010 at 00:05

  2. Sehr geehrter Rainer Kühn,
    Hauptstädte haben es so an sich, dass alles, was darin kreucht und fleucht und dessen Akteure, als ganz besonders wichtig erscheint. Da nimmt sich Berlin nichts, und weil Fußball derart wichtig ist, dass es pro Jahr zwei Wettbewerbe geben muss, musste selbstverständlich ein Finale nach Berlin. Wer also reisen mag …
    Die andere Seite ist die von der SZ im Streiflicht von gestern: „Für Außenstehende: Die Berliner CDU ist ein kleiner Oppositionsverband in der Hauptstadt, der die dortige Lebensart,andere anzurüpeln und dafür geliebtwerden zu wollen, zu unerreichter Perfektion gebracht hat.“ Das war es wohl auch, was mich ein klein wenig zu dem Teil inspiriert hat.

    ed2murrow

    30. Juni 2010 at 08:38


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