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Europa ist mitten unter uns

Silvius Magnago, ein Nachruf

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Silvius Magnago, geboren am 5. Februar 1914, war einer jener Politiker, die nicht den Ruhm oder einen sonstigen eigenen Vorteil suchen, sondern lebten, was sie selber sind, Kinder der eigenen Biographie. Sohn eines italienischen Magistrats und einer Mutter aus dem Voralberg verkörperte er über Jahrzehnte hinweg die Zerrissenheit Südtirols, die zunächst in dem Optionsedikt Mussolinis, sich für eine Nationalität entscheiden zu müssen, gipfelte.

Der exzellente Jurist wusste aus der Situation der deutschsprachigen Mehrheit von Brenner bis Bozen das Kapital zu schlagen, aus dem Autonomien gestrickt sind: „Los von Trient“ war vordergründig eine Parole, die sich gegen die Politik Nachkriegsitaliens wendete, im Tal der Etsch Beamte und Polizei aus dem südlichsten Italien, vorzugsweise aus Sizilien anzusiedeln. Die Sprachbarrieren sollten eine Fraternisierung erschweren. Dahinter steckte freilich die Überzeugung dieses politischen Schwergewichts, dass die damals und bis in die 1990er in Rom durchregierende Democrazia Cristiana keine wirkliche Alternative für die bitterarme Provinz um das Zentrum Bozen herum bot. Die Südtiroler Volkspartei, deren Vorsitzender er von 1957 bis 1991 war, sollte das Sammelbecken für alles werden, was die Besonderheit, nicht nur in sprachlicher, sondern tatsächlich kultureller Hinsicht, dieser nur als Annex deutschen Idioms begriffenen Region ausmachte.

Seine Bewährungsprobe kam, als in den späten 1960ern, da der sog. „Befreiungsausschuss Südtirol“ (BAS) mehrere blutige Attentate verübte und damit den Landstrich, so zu sagen als Vorläufer der späteren anni di piombo, die bleiernen Terrorismusjahre Italiens, als unsicheren Kantonisten kennzeichnete. Die Intervention der römischen Regierung mit Sonderpräfekten kontrastierte Magnago mit diplomatischem Geschick, ohne je aus dem Focus zu verlieren, woran ihm lag: Die Autonomie der Provinz, der er beinahe dreißig Jahre vorstand.

Was heute die Lega Nord für ihr sog. „Padanien“ reklamiert, hatte der Pater Patriae des Südtirols schon lange unprätentiös, aber schlagkräftig verwirklicht: Gesetzesautonomie, Hoheit in fiskalischen Fragen, Mehrsprachigkeit in Schulen und Verwaltungen, bis hinein in die Frage der Anerkennung des Ladinischen als Kulturgut. Ziele, die weder die ETA in Spanien, noch FLNC in Korsika je herbei bomben konnten. Er war einer der Persönlichkeiten, die dem Wort Subsidiarität im europäischen Kontext nicht nur einen politischen, sondern einen empirischen Erfolgsbeweis geliefert haben. Die Region um Bozen gehört heute zu einer der Wohlhabendsten und Prosperierendsten in der Europäischen Union.

Silvius Magnago ist am vergangenen Dienstag im 97. Lebensjahr in Bozen verstorben.

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Written by ed2murrow

29. Mai 2010 um 21:00

Veröffentlicht in Europa, Italien, Politik

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2 Antworten

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  1. Sehr interessant, und das Stichwort „Autonomie der Provinz“ ist wohl mit mehr praktischen Zukunfsproblemen bedeutend als ein durchzentralisiertes Gesamteuropa als Metropole der Weltwirtschaft.

    rainerkuehn

    30. Juni 2010 at 00:16

  2. Kann sein, wie überhaupt Autonomie und Regionalismus, die noch unter dem Motto „Europa der Regionen“ verhandelt werden, noch eine ganz andere Konnotation erhalten werden, vor allem in Italien mit Blick auf „Padanien“ oder in Belgien im „Sprachen“streit. Das ist handfester Nationalismus folkloristisch verkleidet.

    ed2murrow

    30. Juni 2010 at 08:42


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