ed2murrow

Europa ist mitten unter uns

Und sie ist doch flach!

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Umberto Eco, Semiotiker, stellte kürzlich im römischen l’Espresso fest, dass 1982 jeder dritte Franzose der Meinung war, die Sonne drehe sich um die Erde. Sein Kollege von der Fakultät für Astrophysik, Harald Lesch, ließ sich 2001 im Bayerischen Rundfunk tv-gerecht mit der Frage konfrontieren: „Woher wissen Sie das alles?“ Ob darin die Skepsis mitschwang, dass Astronomie doch nur die mindere Schwester der –logie sein könnte, wird nicht verraten. Und der Chemieingenieur David Adam rieb sich kurz nach Eco im Guardian verwundert die Augen, dass es noch Menschen wie einen Daniel Shanton und seine Flat-Earth-Society gibt, die die Erde für flach halten. Entgegen allen Mainstreams. Dieser Blogger glaubt, dass das alles schon seine Richtigkeit haben wird: Erde ist rund, irgendwie, und in Bewegung. Aber was bitte ist das Gegenteil von Mainstream?

Wären Raum und Zeit, Sprache und Medien aufgehoben, es ergäbe eine interessante Talk-Runde zum Thema: „Weltbildzerstörungswaffen im Eigenbau“. Auf diesem Feld hätte Lesch womöglich den schwersten Stand. Aufbauend auf Galilei, seit Newton und als Nebenprodukt der Pest behauptet er nämlich, er schreite weiterhin „weg von der Bescheidenheit des mittelalterlichen Menschen, der Herrgott wird’s schon richten, hin zu einer arroganten Einstellung, dass die Gesetze, die ich hier auf dem Erdboden kennen lerne, überall im Universum“ gelten. Adam beriefe sich auf seine und die Gewissheiten seines Publikums, die sich sicher auf dem Boden einer gemeinsamen Überzeugung bewegen: „It may sound like Shenton is playing games, that the reborn society is a clever metaphor or marketing tool for another cause„; die gehobenere Form von it’s business, stupid. Worauf Eco, das historische Beispiel des Samuel Birley Rowbotham und der Zetetischen Astronomie vor Augen, einwirft, dass „die Wissenschaft sich immer der allgemeinen Meinung gegenüberstellt, die stets weniger entwickelt ist, als (wie) man denkt“. Was man auch an den täglichen Formulierungen ablesen kann, „dass die Sonne aufgeht, untergeht, hoch am Himmel steht“, obwohl „wir alle, gebildete Personen die wir sind, wissen, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt“. Naive Perzeption nennt er das. Spätestens hier müsste ein Moderator eingreifen: Galilei und flache Erde, das passt nicht zusammen!

Ob die Antwort nun ganz adamisch: „Aristoteles“ lautete oder doch alles eher pessimistisch in die Hiobsbotschaft mündet, wonach die Erde so von ihrem Ort bewegt wird, dass ihre, vor allem klimatischen, Pfeiler zittern, wäre vernünftigerweise hoch spekulativ. Es hinge etwa davon ab, ob die Sichtweise von und auf Griechen, vor allem der/die alten eine Rolle spielen könnte. Oder doch jene des vielleicht per Fernschaltung teilnehmenden Überraschungsgastes Thomas Schirrmacher, der einen Gutteil des Spätentwicklertums  in den modernen Naturwissenschaften der Arroganz eines ihrer Nestoren in die Schuhe schiebt. Oder dass alles nur (un-)glückliche Fügung sein könnte: Dass einige von Einsteins Theorien schon bald ihre praktische Bestätigung fanden, die von Eratosthenes dafür fast 2000 Jahre auf die Raumfahrt  warten mussten, während Aristoteles beinahe die gleiche Zeitspanne wirken durfte, bis er in Teilen widerlegt war.

Der Gedanke an eine flache Erde hat demgegenüber etwas Tröstliches, Anheimelndes: Bevölkert von „a happy few“ und noch Platz genug, um nicht an den Rand (oder darüber hinaus) gedrängt zu werden, lassen sich dort wunderbare Bäume pflanzen, ohne dass der Nachbar gleich wegen des Schattens meckert. An denen eine gemütliche Hängematte festgemacht ist, in der es sich in aller Seelenruhe zwischen dem ich und dem mir darüber philosophieren lässt, was das alles mit dem Schwimmen gegen den Strom zu tun haben könnte. Oder mit intelligentem Design.

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Written by ed2murrow

24. April 2010 um 13:19

Veröffentlicht in Europa, Kultur

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