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Europa ist mitten unter uns

Hungern und bestrafen: Szenen aus dem neuen Italien

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von Dario Fo und Franca Rame (*)

 Die bestraften und gedemütigten Kinder, von wegen christlich‘ Land

Vor einigen Tagen, als wir im Fernsehen die Nachrichten verfolgten, waren Franca und ich erschüttert. Und das wiederholte sich, tagelang. Wir erfuhren, dass es hier, mitten unter uns, in der Lombardei, in einem Komplex von Grund- und Mittelschulen, Kinder gibt, die im Augenblick der Essensverteilung in der Mensa vor einem Teller saßen, darin ein Stück Brot, und einem Glas Wasser; während im Teller der anderen Kinder pastasciutta war, danach Käse und auch Obst. Warum? Weil die Eltern der so Gestempelten  das Kostgeld nicht bezahlt hatten oder weil sie damit nur etwas spät dran waren und deswegen ihre Lieblinge kein Recht hatten, etwas zu essen! Hungern, zur Strafe, sollten sie! Denken wir an den Schock, den die Kleinen erlitten haben: Still sitzend, vor dem Brot, dem Glas Wasser; und die anderen, die aßen. Wir wissen, dass einige der Kinder, die ihre Spaghetti hatten, ohne ein Wort zu verlieren ein oder zwei Gabeln voll in die leeren Teller ihrer Schulkameraden gegeben haben.

Wenn wir sagen: Das ist eine Gesellschaft, die unschuldigen Kindern einen Schmerz zufügt, eine Demütigung, eine Herabwürdigung von solchem Ausmaß  – Was ist das dann für eine Gesellschaft? Und was sollen das für Werte sein, die sie mit sich im Körper, im Herz und im Hirn trägt? Was für eine Kultur produziert sie? Welche soziale Dimension? Uns ist richtig schlecht geworden. Es muss daran erinnert werden, dass die, die solche Aufführungen aufsetzen, unsere Leute sind, von unserer Art. Sie sind es, die angeordnet haben, Kindern, die arm sind, das Essen weg zu nehmen, weil gemeinsamer Errungenschaften nicht würdig. Später hat man erfahren, dass ihre Eltern nicht etwa aus Gleichgültigkeit oder mangels Zivilität nicht bezahlt hatten, sondern weil sie schlicht das Geld nicht besaßen, um die Kost zu bezahlen! Menschen sind das, die von der Krise überwältigt sind, fast alle wegen des Verlustes der Arbeit, und daher auch sie ohne Bezahlung, arbeitslos. Den Betreibern dieser Küchen, den Betreibern dieser  Wirtschaft war das gleichgültig. Darauf kam es an: „Du zahlst nicht, du isst nicht“: Auch wenn du ein Kind bist, hast du zu erliegen, bestraft zu sein. Und plötzlich ist uns der Heilige Ambrosius eingefallen.

Über ihn, den wichtigsten Bischof, den unsere Stadt je hatte, haben wir eine Aufführung am Piccolo Teatro in Mailand, dem Strehler, verwirklicht und auf die Bühne gebracht. Wir sind  Atheisten und haben gleichwohl die Geschichte des Christentums sehr genau studiert. Und dabei entdeckt, dass Ambrosius einen tiefen Sinn für Gemeinschaft besaß, dass er mit Härte das Wort gegenüber dem Senat von Mailand ergriff, um das Recht der Menschen auf Würde vorzutragen, zu der Zeit als die Stadt zur Kapitale des Ost- und Westreichs erkoren worden war: Auch wenn die Menschen Sklaven sind, auch wenn sie keine Rechte haben.

Er sagte: „Reicher Herr, merkst du nicht, dass vor deiner Tür ein nackter Mensch steht, während du darin vertieft bist, den Marmor zur Verkleidung deiner Wände auszusuchen? Der Mensch bittet um Brot, und dein Pferd kaut derweil an einer goldenen Kandare. Du gerätst in Verzückung beim Anblick deiner kostbaren Einrichtungen, und der nackte Mensch zittert vor dir vor Kälte, und du würdigst ihn keines Blicks, du hast ihn nicht einmal wiedererkannt. Wisse, dass jeder hungrige Mensch und jeder, der bar aller Kleider an deine Tür klopft, Jesus ist; jeder Verzweifelte ist Jesus. Und du wirst ihn an dem Tag wiedersehen, zu dem sich die Zeit der Welt verschließen wird, und Er, der selbe Mensch, wird kommen, um dir zu öffnen und dich zu fragen: ‚Erkennst du mich wieder?‘. „Ihr,  die Reichen, sagt: ‚Es ist immer noch Zeit, zu bereuen und Schulden zu begleichen‘. Keine Lüge ist schlimmer. Ihr Reichen, es gibt nichts in eurem Tun, das Gott gefallen könnte. Auch wenn ihr ein Kreuz über eurem Bett aufhängt und eine Kapelle besitzt, wo ihr alleine beten und der Messe beiwohnen könnt. Ihr klebt euch an eure Güter und ruft: ‚Es ist meins!‘ Nein, nichts ist das eure auf dieser Erde.“ „Zertretet eure Regeln von Schimpf und Ungerechtigkeit. Gebt denen das Recht zurück, die keines haben … das Brot an jene, die es nicht zum kauen haben, behindert von eurer Engherzigkeit! Verteilt es, solange ihr noch Zeit habt, an die Verzweifelten, an die von eurer frechen Gier Bestohlenen. Keine noch so reiche Hinterlassenschaft an Kirche oder Klerus wird euch retten.“ „Ich sage euch“, schloss Ambrosius, „dass man nicht  an eine großzügige Macht glauben kann, weil der, der sie besitzt, alles will, auch die Krumen. Deswegen bin ich für die Gemeinschaft der Güter; ich bin für die Gleichheit der unterschiedlichen Menschen. Weil nur der Diebstahl das private Eigentum erschaffen hat“.

Aus Il Fatto Quotidiano vom 15. April
veröffentlicht online am 15. April 2010

((*) Dario Fo, 84, ist Nobelpreisträger für Literatur 1997 und einem breiten Publikum durch seine politischen Theaterstücke (u.a. Morte accidentale di un anarchico) bekannt; Franca Rame, 80, ist Schauspielerin, Dramaturgin und war Abgeordnete sowie Senatorin im italienischen Parlament. Sie sind seit 1954 miteinander verheiratet.
Aus dem Italienischen und Anmerkungen von ed2murrow , mit freundlicher Genehmigung von Il Fatto Quotidiano vom 23.04.2010; die weitere Verwertung unterliegt den Bestimmungen gem. creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.5/it/deed.de )

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Written by ed2murrow

24. April 2010 um 13:29

Veröffentlicht in Italien, Justiz, Kultur

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