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Europa ist mitten unter uns

Etiketten und die Kunst zu schwindeln

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Die Franzosen waren in diesen Dingen schon immer etwas klarer, direkter, unmissverständlicher: „Es ist Diskriminierung, jede Unterscheidung zwischen Personen aufgrund ihrer Herkunft […]“. Sie ist, „wenn sie gegenüber physischen oder juristischen Personen begangen wird, mit einer Haftstrafe bis zu drei Jahren und einer Geldbuße bis zu 45.000 Euro strafbar, wenn sie darin besteht […] eine Anstellung abzulehnen oder eine Person zu sanktionieren oder ihr zu kündigen.“ Deutschland musste  hingegen erst Ziele für sein bedeutungsschwangeres „Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz“ formulieren, um sie dann großartig zu verfehlen. Das hat vielleicht damit zu tun, dass in Frankreich die Egalité irgendwie im Blut ist, sogar im Wahlspruch steht, während die hiesige Gegenwart, wollte sie sich eine solche Devise geben, bei Brüderlichkeit schon ein Genderproblem hätte, sprachlich gesehen.

Wo der Gallier nur eben in den Text zu schauen braucht, um ihn zu verstehen, benötigt der Teutone einen Kommentar und selbst da den Dolmetscher. Der nennt sich Jurist und wird natürlich mit all diesen Wägbarkeiten schon in den Prüfungsaufgaben seiner Examina konfrontiert. Was ihn aber nicht daran hindert, in der Praxis etwa der Arbeitsgerichtsbarkeit völlig zu scheitern. Das kennen wir schon von dem Gesetz her, das das regelt; wer wollte Richtern ernsthaft einen Vorwurf machen?

Dabei wäre die Lösung in der jüngsten Causa einer Buchhalterin aus dem Osten vs. ungehobelten Arbeitgeber in spe im Westen so einfach gewesen. Notierte der  Wessi doch glatt „Ossi“ als Ablehnungsmerkmal auf die Unterlagen, obwohl es sich um eine Dame, eine Ossie handelt. Das ist buchstäbliche geschlechtsbedingte Diskriminierung, damit der Satisfaktion per  Gleichbehandlungsgesetz zugänglich. Schon alleine um der Strafe willen, die soviel dummdreiste Pedanterie, das hinzuschreiben und sich dabei auch noch erwischen zu lassen, geradezu herausfordert.

Man könnte sich an Frankreich noch ein anderes Beispiel nehmen. Der dritte Napoléon, Neffe des Ersten, war nicht nur das Bild dafür, dass „Europa niest, wenn Frankreich einen Schnupfen hat“. Er schob auch den „Grand Cru Classé 1855“ an, wonach in allen Flaschen, auf denen Premier cru draufsteht, etwas besonders Erhabenes der Kelterkunst drin sein müsste. Und wenn es noch der schlimmste Sauerampfer ist, es ist immerhin einer aus einem Schlossgarten. Etiketten sind seitdem, also der Weltausstellung in Paris, ein Markenzeichen. Für alles, was teuer ist, gelegentlich gut. Heute subsumiert man darunter unter anderem Käse.

Wer sagt uns denn, dass das nicht bei Menschen funktioniert, für die wir in unserer Sprache Verben wie adeln oder abstempeln übrig haben? Sie meinen, das ginge nicht. Weil Mensch nicht irgendwie ein Produkt ist. Also gut, Probe aufs Exempel. Produkt in der Mathematik ist Ergebnis von Multiplikation: Passt; Herstellungsprozess mechanisch-chemisch-biologisch: Passt; Seele? Ich bitte Sie, hat Ihr Auto etwa keine? Und sagt man nicht, dass in Sachsen Mädchen auf den Bäumen wachsen, sogar schöne?

„Ossi(e) Lib“ könnte die Devise heißen, in Anlehnung an die Dauerbrenner „Women‘s“ oder „Cuba“. Mit zartem Zungenschlag für jene, die am 3. Oktober 1990 unter der Hand raunten: Fein habt ihr das gemacht, aber ab hier kennt Ihr Euch nicht mehr aus. Einen Spieß kann man auch umdrehen, vor allem im Marketing.

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Written by ed2murrow

24. April 2010 um 13:22

Veröffentlicht in Deutschland, Justiz, Kultur

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