ed2murrow

Europa ist mitten unter uns

Die Osterbotschaft

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war immer fester Bestandteil meines Lebens. Weil, ein paar Steinwürfe von dem Ort entfernt aufgewachsen, wo sie segensreich urbi et orbi verkündet wird, so etwas einfach in Fleisch und Blut übergehen kann.

Später wurde mir schon klar, dass der genius an einem locus residiert, der außen verspricht, was er innen hält: Ein gigantisches, marmorgewordenes Trompe-l’oeil. Man erreicht ihn vom Tiber aus, immer leicht bergan, über die überbreite Via della Conciliazione und wird auf der Piazza San Pietro von 284 Säulen nebst 140 Statuen, auf zwei halbrunde Flügel verteilt, umfangen.  Der Obelisk in der Mitte steht noch einmal auf einer planen Ebene, bevor es wieder bergauf und schließlich über Stufen zu den Portalen der Basilika geht; die seitlichen Säulenreihen springen in einem Knick zurück, um, ganz theatrum mundi, den Sakralbau noch einmal zu überhöhen. Bernini hatte den idealen Vorraum zu den geweihten Hallen geschaffen. Der dreißigjährige Krieg war kaum vorüber und sein Auftraggeber, der Bankierssohn Alexander VII. Chigi wird sich gedacht haben: Quod licet bovi, dem vierzehnten Ludwig in Versailles, muss erst recht dem Stellvertreter Gottes auf Erden zustehen.

Beim Heranwachsen spielen solche Dinge natürlich keine Rolle. Besonders nicht für ein lutherisches Kind im katholischen Rom, das sein spirituelles Fundament in der spät-wilhelminischen  Christuskirche auf der „anderen Seite des Tibers“ erhielt. Religionsunterricht, Konfirmation und der Karfreitag spielten sich in dem für römische Verhältnisse bescheidenen Bau in einer kleinen Nebenstraße ab. So war auch nicht der Bau der Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit, sondern der Bazar mit den selbstgebackenen „deutschen“ Spezialitäten, den Adventskränzen zu Weihnachten, den Weidenkätzchen an Ostern, Limonaden und Kuchen, mit denen die Gemeinde ein paar Lire für die gemeinschaftliche Kasse einholte. Er war auch von Italienern gern besucht, denn wo sonst bekam man Lebkuchen zum probieren oder geflochtene Fichtenzweige mit Kerzen darauf? Wicherns Erfindung hatte sich um den Vatikan herum noch nicht durchgesetzt. Wie Osterlämmer aus Bisquitteig etwas Exotisches waren in dem Land, wo die Colomba aus Hefeteig mit kandierten Früchten  süßes Sinnbild für die Pasqua ist. Dankbar bin ich dem Pastor heute noch, dass er uns von der Schulband einen Kellerraum unter dem Altar überließ, um zu proben; er war der einzige gewesen, der, wenn auch seufzend, dem elektrisch verzerrten Jugendlärm einen Spielplatz geboten hatte.

Die Glocken von Sankt Peter waren nicht zu überhören. Sie riefen auch mich, eines Ostern, als die Liturgie und vor allem die Predigt an dem bewussten Freitag besonders bedrückend gewesen waren. Es war eine unfreundliche, bleierne Zeit: Angeblich hatten Rotbrigatisten ein Attentat auf die deutsche Schule angedroht gehabt, vor dem Haupteingang stand seit Monaten  ein Panzerwagen, das Gelände war mit Stacheldrahtverhau auf den Grundstücksmauern gesichert. Wenn jemand Besserung versprach, und das für die Stadt und das gesamte Erdenrund, so hörte man ihm zu. Dann ging man zu ihm hin. Und mit mir tausende von Menschen, festlich gekleidet. Die Frauen mit Kopftuch, das allmählich vom traditionellen Kleidungsstück zum modischen Accessoire, genannt Foulard, wurde; die Männer im feierlichen Anzug und Ernst. Die Via della Conciliazione hinauf bis zum Obelisken, den Blick fest auf die Benediktionsloggia gerichtet, umgeben von Säulen, die wie ein Schutz nach außen wirkten und Geborgenheit versprachen. Paul VI. war kein emphatischer Prediger, an seine Worte kann ich mich nur noch schemenhaft erinnern. Auch war mir noch nicht klar, dass in dieser Zeit viele Menschen von dem Konzilspapst weitere Fingerzeige für die Zukunft erwarteten; hier, auf dem Platz, auf dem ich stand. Aber das kollektive Aufseufzen, die Bewegung , die ganz von innen kam, bei dem Wort Hoffnung, brannte sich mir ein. Wie die Gelöstheit danach, eine berührbare Freude an einem sonnigen Tag der Milde.

Am 4. April anno domini 2010 habe ich den Fernseher nicht angemacht, nicht einmal um zu schauen, wie das Wetter in Rom ist. Die Glocken werden ihren Weg auch ohne mich zurück finden. Unbeschadet, hoffe ich, wenigstens sie.

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Written by ed2murrow

24. April 2010 um 13:12

Veröffentlicht in Italien, Kultur

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