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Europa ist mitten unter uns

Momentaufnahme Italien – Die Vielbeschäftigten

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Seitdem das italienische Verfassungsgericht entschieden hat, Ministerpräsident Berlusconi Immunität vor Strafverfolgung zu verweigern, wird seinen Anwälten Niccolò Ghedini und Pietro Longo nachgesagt, sie würden rastlos durch die Flure des Parlaments streifen, um Verbündete für neue Gesetze zugunsten ihres Mandanten zu finden. Das ist keine Lobbyarbeit, die beiden Herren sind im Nebenberuf Abgeordnete. Die Presse hat allerdings festgestellt, dass dieser Tage die Säle in der Volkvertretung seltsam leer sind, so leer, dass sich sogar der Präsident der Abgeordnetenkammer Gianfranco Fini genötigt sah, öffentlich eine bessere Arbeitsmoral anzumahnen. Aber es hilft nichts, denn Abwesenheit bedeutet auch, aus dem Weg zu gehen, jetzt da das offiziöse Rom über die Nachfolge des „beliebtesten Politikers mehr noch als Ghandi“ spekuliert. Da kann es vorausschauend sein, schon einmal für die Zeit „danach“ vorzusorgen.

In einem Interview gegenüber der römischen Tageszeitung „Il Fatto Quotidiano“ gewährt Luca Barbareschi einen Einblick über das intensive Leben eines Politikers, der mit der Partei Berlusconis Einzug in den Palast Montecitorio schaffte und über diesen sogar einen Eintrag auf der deutschen Seite von wikipedia. Er  ist derzeit Regisseur und erster Schauspieler in einem Musical nach einer Idee von Giorgio Gaber. Auf Tournee durch Italien. Ancona, Rom, Neapel, Crotone und noch mehr …

Das Interview im Wortlaut:

Sie werden verzeihen, aber wie können Sie einen solchen Einsatz mit Ihrer Tätigkeit als Abgeordneter in Einklang bringen?

„Na, die Frage verstehe ich nicht: Ich habe mehr als 80% Anwesenheitsquote“

Sind Sie sicher? Die offiziellen Protokolle der Abgeordnetenkammer sprechen von 47,70% …

„Ach, na ja. Klar, das ist fast die Hälfte. Das ist das Gleiche.“

Nicht wirklich …

„Hören Sie mal, ich arbeite viel mehr als Sie (Anm.d. Red.: Es ist das erste Mal, dass wir uns sprechen). Ich schlafe jede Nacht nur vier Stunden, stehe schon um sechs auf und bin in der Lage, die Arbeit zu organisieren.“

In der Verkehrskommission, deren Vize-Präsident Sie sind, wird jedoch Ihre ständige Abwesenheit beklagt …

„Das werden Ihre Freunde sein, die gewisse Dinge behaupten. In eineinhalb Jahren habe ich vier Gesetzesvorhaben eingebracht, davon war eines erfolgreich. Ich bin eben einer der effizientesten.“

Gut. Andererseits haben Sie oft den üblen Ruf in Italien, die politische Laxheit angeprangert. Glauben Sie nicht, dass das komplexe staatliche Gefüge etwas mehr Aufmerksamkeit verdienen sollte?

„Aber neeeiiin. Und außerdem, ich könnte es mir nicht leisten: Alleine vom Gehalt eines Politikers könnte ich nicht leben.“

Aber das sind doch rund 23tausen Euro brutto im Monat, zuzüglich aller Vergünstigungen …

„Na und? Ich komme doch nicht aus einer reichen Familie. Mir hat niemand etwas hinterlassen.“

Für Sie ist die Abgeordnetenkammer also eine Nebenbeschäftigung …

„Für Euch ist es ja immer einfach! Ihr Journalisten seid die wirkliche Kaste, der Abschaum. Und jetzt habt Ihr mich ausgerufen, als wäre ich das absolut Böse.“

Wir waren neugierig auf ihre Vielseitigkeit …

„Nein! Die Feinde sind die diebischen Journalisten. Die sind in der Überzahl, nur dass sie niemand erwischt. Unberührbare. Außerdem sind die Probleme im Leben ganz andere …“

Welche?

„Die Diebe, die Halunken und alle wie sie“.

Aber sehen Sie denn wirklich keine Notwendigkeit für einen stärkeren Einsatz im Parlament?

„In Israel muss jeder Abgeordnete jede andere Tätigkeit fallen lassen.“

Eben …

„Bei uns ist das nicht so. Ich muss auch an mein Unternehmen denken.“

Auch noch …

„Ja. Und ich bin wirklich gut darin. Eine Stunde reicht mir, um die richtigen Direktiven zu erteilen und sie befolgen zu lassen“.

Sie werden sicher sehr müde sein …

„Wie bitte? Ich verstehe nicht …“

Ihre Stimme klingt sehr erschöpft …

„Ah! Ich wiederhole: Ich stehe früh auf, arbeite und dann gehe ich um fünf zu den Proben ins Theater. A propos, ich muss mich verabschieden, ich muss gehen. Grüßen Sie mir Travaglio, es gefällt mir sehr gut, wie er arbeitet“.

In der Tat, es ist 16:30, Zeit um zum Quirino in Rom zu hasten. Es sind die letzten Tage und dann geht es auf eine lange Tournee, weit weg von der Hauptstadt. Gute Reise und überarbeiten Sie sich nicht, Herr Abgeordneter Barbareschi.(*) 

Dass es sich hierbei nicht um eine Satire handelt, ergibt sich daraus, dass am 04.11.2009 im  Corriere della Sera der bekannte Autor Gian Antonio Stella auf dieser Grundlage einen ungewohnt sarkastischen Artikel veröffentlichte, worauf sich Barbareschi zu einer öffentlichen Stellungnahme am Folgetag genötigt sah. 

Bei uns ging Schily vor Gericht, weil er seine Nebengeräusche nicht veröffentlichen wollte. Da liegen nicht Welten, nur die Alpen dazwischen.

(*) Interview aus Il Fatto Quotidiano vom 31. Oktober 2009, online seit 06.11.2009; geführt von Alessandro Ferrucci, von Unterfertigtem ins Deutsche übertragen. Verlinkung des italienischen Originals mit Gestattung der Redaktion

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Written by ed2murrow

8. November 2009 um 18:57

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