ed2murrow

Europa ist mitten unter uns

Fundstück zu: Weltuntergang

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Apocalypse“ ist dieser Tage nicht nur „now“ oder in Pakistan, sie ist allgegenwärtig. Roland Emmerich beutet sie genauso meisterhaft aus wie Cluster-Außenstellen deutscher Think-Tanks, wenn sie jenseits von Kipppunkten unbeherrschbare Systemkrisen an die Wand malen. In der Schar der Deuter eines steinzeitlichen Filofax, die das definitive Ende präzise in die Weihnachtszeit 2012 verlegen, und anderer brillanter Geschäftsleute fehlt nur noch einer, der kraft Beruf den kürzesten Draht zum jüngsten Gericht haben dürfte: Der Papst.

Benedikt XVI. soll dem Vernehmen nach Vorgänger jenes Oberhirten sein, dem geweissagt ist: „Während der scharfen Verfolgung der heiligen römischen Kirche wird Petrus, ein Römer, regieren. Er wird die Schafe unter vielen Bedrängnissen weiden. Dann wird die Sieben-Hügelstadt zerstört werden und der furchtbare Richter wird sein Volk richten. Ende“. Der selbstbewusste Bewohner Roms weiß, wenn sein Caput Mundi untergeht, ist es mit der ganzen Welt vorbei. Konnten die bisherigen Pontifices der katholischen Welt durchaus den ihnen gewidmeten Sinnsprüchen zugeordnet werden, so tut man sich aktuell recht schwer: Wie bringt man jemanden aus dem Inn-Salzach-Raum mit einer „gloria olivae“ unter einen wenn nicht schon pastoralen, doch zumindest zeitgemäßen Hut? Sicher nicht damit, dass selbst in Traunstein natives Olivenöl feilgeboten wird.

Die Olive, Symbol für Frieden und Wohlstand, begegnet uns an gänzlich unvermuteter Stelle, in der Inquisition, die sich auf der iberischen Halbinsel sogar ein eigenes Wappen gab; ein grob geschnittenes Holzkreuz, an ein Autodafé  gemahnend, auf der einen Seite der Olivenzweig, auf der anderen ein Schwert. Den Menschen, die außerhalb mönchischer Schreibstuben nicht lesen und schreiben konnten, also selbst den Potentaten,  sagte das Piktogramm schlicht: Fürchte uns, und Dir wird es gut gehen. Es war die Zeit der Reconquista, die „Reyes Católicos“ vertrieben aus ihrem Land letzte Reste von allem, was sie für fremdartig, für schädlich hielten, vor allem Moriscos und Juden einschließlich der Konvertiten. Diese Geisteshaltung scheint Papst Paul VI. 1965 als Menetekel vor Augen gehabt zu haben, als er folgendes verkündete: “Nachdem aber die Liebe die Furcht ausschließt […], schreitet man besser zur Verteidigung des Glaubens durch Förderung der Lehre […].“ Mit diesem Strich einer Feder wurde die Jahrhunderte alte (römische) Inquisition erledigt und durch die Kongregation für  die Glaubenslehre ersetzt; die Olive als Lehre, mit Vorzug vor der Gewalt des Schwertes.  Auslöser für die Entscheidung war die Rede eines deutschen Kardinals während des zweiten Vatikanischen Konzils gewesen, dessen Schreiber ein junger Professor für Dogmatik, Fundamentaltheologie und Dogmengeschichte, Joseph Ratzinger, damals ein Jungstar seiner Zunft. Er trat folgerichtig unter dem Medienpapst Johannes Paul II. das Amt an, das einst das der Großinquisitoren gewesen war und behielt es 24 Jahre lang, bevor er selbst zum Pontifex Maximus  wurde. Es besteht kaum Zweifel daran, dass Benedikt XVI. nicht nur einer der profiliertesten Theologen unserer Zeit ist, sondern möglicherweise einer der gelehrtesten Menschen, der je auf dem Stuhl Petri saß.

Aber zu wessen Ruhm?  Als Benedikt im September 2006, ein Jahr nach seiner Wahl, eine Vorlesung vor Wissenschaftlern der Universität Regensburg hielt, war von „Hasspredigt“ die Rede, es kam zu teilweise gewaltsamen Protesten, weil der Papst den „Propheten Mohammed beleidigt“ habe. Man fühlte sich in die Zeit der Katholischen Majestäten zurückversetzt, noch mehr in die Synode von Clermont bei Urban II., just im Kontext, da der Konflikt um die sog. Mohammedkarikaturen kaum abgeebbt war und kurz bevor die Deutsche Islam Konferenz erstmals ihre Tore öffnete:  Das „letzte Glied eines Komplotts für einen Kreuzzug“? Verwundert rieb man sich daher die Augen, als auf den Tag genau einen Monat später 38 Gelehrte des Islam mit einem offenen Brief die Worte Bendedikts nicht etwa verdammten, sondern theologisch wohl erwogen erwiderten. Gänzlich unaufgeregt lieferten sie dazu eine Definition des Krieges und seiner Regeln aus der Sicht des Islam ab und klärten, wie nebenbei, „dass der Begriff des „Heiligen Krieges“ in islamischen Sprachen nicht existiert“. Dabei hatte das Oberhaupt der katholischen Kirche zwar von einem Pult, aber nicht „ex cathedra“ gesprochen gehabt, also nicht vordergründig seine Autorität in die Waagschale geworfen. So wie selbstverständlich daraus der Dialog statt eines „Clashin Gang kommen musste zwischen den Vertretern der beiden größten Weltreligionen, und damit extremen Politikanten die Geschäftsgrundlage für ihren „Dschihad“ entzogen wurde.
Was auch für jene gilt, die religiös verbrämt „Kreuzzüge“ als Alibi für kriegerische Auseinandersetzungen reklamierten. Denn ihnen wurde von der Glaubenskongregation mit ausdrücklicher Billigung von Benedikt XVI., wiederum ein Jahr später, kurzerhand bedeutet, dass sie sich nicht auf eine Kirche berufen können, wenn sie angeblich religiöse Privilegierungssätze wie „God’s Own Country“ für sich in Anspruch nehmen: Den Gemeinschaften, die aus der Reformation des 16. Jahrhunderts hervorgegangen sind, ist der Titel einer „Kirche“ im Sinne der katholischen Lehre nicht zuzuschreiben. Das schmerzte zwar vor allem die deutschsprachige evangelischen Gemeinden, die sich, den Diskurs der Ökumene vor Augen, laut beschwerten. Und doch ändern die druckreifen Klagen nichts daran, dass die EKD sich bis heute nicht deutlich genug gegenüber jenen Mitgliedern ihrer eigenen Schwesterorganisationen etwa im UCC distanzieren, die zwar protestantisch orientiert gleichwohl religiös doktrinär autoritäres Staatshandeln vor allem in den USA maßgeblich beeinflussen. Das muss auch die deutschen Politiker treffen, die sich in den diversen Organen der EKD an der Schnittstelle zwischen Glaube und irdischer Macht befinden: Solange sie nicht in ihrer eigenen Gemeinschaft Ordnung schaffen, wird das von dort ausgehende Gewese um die Piusbruderschaft (Aufhebung der Exkommunikation aber nicht der Suspension) vor allem aus deutscher Sicht eher doppelbödig bleiben.

In den bisherigen Jahren seines Pontifikats, aber auch als geistiger Ratgeber seines Vorgängers hat Benedikt XVI. die katholische Kirche über 30 Jahre lang positioniert. Nicht mit dem Schwert, sondern, so könnte man argumentieren, mit der höchsten Vollendung der Lehre, die seiner Kirche zu eigen ist: Gloria olivae. Oder auch nicht, mit dem Vorteil, sich nicht über den Weltuntergang und auch sonst ernsthaft unterhalten zu müssen. Denn der Letzte, jener „Petrus Romanus“ stünde schon bereit. Tarcisio Pietro Evasio Bertone, geboren in Romano Cavanese. Er ist der Kardinalkämmerer und wäre im Falle des Todes des Papstes der Amtswalter. Pietro Romano, Malachias sagt nichts darüber, dass der selbst Papst sein müsse.

ausgegeben in: Fundstueck

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Written by ed2murrow

4. November 2009 um 12:02

Veröffentlicht in Deutschland, Fundstueck, Italien, Kultur

6 Antworten

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  1. Hallo e2m, ja, manchmal kann ich schon den Eindruck bekommen, dass die evangelikal ge- und ertränkten „Thinktanks“ es gerne darauf ankommen ließen. ihren Messias herbeizubomben, damit er ihnen ihre ausschließliche Erwählung zubilligt und endlich die „Anderen“ richtet und verstößt. Anders kann ich manche Hysterien, die gegen die Obama’schen Krankenversicherungspläne oder die fundamentalistische Ablehnung des „Staates“ nicht deuten. Der „clash“ kann stattfinden zwischen fanatisierten Frustrierten, denen die unübersichtliche Wirklichkeit nur einen Ausweg in Erlösungsphantasien übrig lässt. Und sie sind bestens bewaffnet. Niemand kann ausschließen, dass in den USA oder in Pakistan nicht einer dieser Figuren in absehbarer Zeit über den roten Knopf verfügt.

    Da schreibe ich bisher eine sehr defaitistische Sicht auf die Möglichkeiten humaner Weiterbildung. Es gibt,Gott sei Dank, eine Reihe von Menschen, sie führen Sie in Ihrem Artikel auf, die bedächtiger sich den religiösen Fragen widmen, die sich ihren Gott (und wahrscheinlich ist es für alle der Gleiche und Eine) noch nicht untertan gemacht haben. Es gibt „Benedikt XVI., (der) kurzerhand bedeutet, dass sie sich nicht auf eine Kirche berufen können, wenn sie angeblich religiöse Privilegierungssätze wie „God’s Own Country“ für sich in Anspruch nehmen,… es gibt die 38 Gelehrte des Islam(, die) mit einem offenen Brief die Worte Bendedikts nicht etwa verdammten, sondern theologisch wohl erwogen erwiderten…“ Es gibt die EKD, die, vielleicht nicht immer glücklich, doch m.E. rechtschaffen, evanglikaler Sektiererei eine offene Glaubensform gegenüber stellt, die niemanden denunziert oder degradiert. Es gibt die Projekte christlich jüdischer Verständigung und die, gegenwärtig nicht ganz einfachen Initiativen jüdisch-islamischer Gesellschaften (http://www.br-online.de/studio-franken/aktuelles-aus-franken/frankennews-mittelxfranken-2008-kw11-ID1205245378385.xml).

    Also scheint der Weltuntergang doch noch keine ausgemachte Sache zu sein. Es könnte doch sein, dass Gnade vor Recht geschieht, der Maya-Kalender und die Malachias Prophezeiungen noch einmal um- und/oder fortgeschrieben werden können.

    hardob

    13. November 2009 at 01:02

  2. Lieber Hardob,
    das, was sehr wohl erwogene Schritte trotz Distanzierung kitten (Distanzierung bedeutet doch wohl auch immer Standortbestimmung, auf beiden Seiten), reißen andere wieder wie ein kleines Kind die Geschenkpackung auseinander. http://www.zeit.de/gesellschaft/2009-11/kaessmann-russisch-orthodox sagt uns da was, obwohl, wie betont wird, gerade diese Frau den religiösen Diskurs weit mehr in den Vordergrund stellt als ihr Vorgänger, will man dem hier „Margot Käßmann bringt in den deutschen Protestantismus ein Gleichgewicht zurück, das in den letzten dreißig, vierzig Jahren verloren gegangen war“ folgen, http://www.zeit.de/2009/46/Margot-Kaessmann .
    Ganz persönlich habe ich den Eindruck, das heutige Deutschland, möglicherweise auch in anderen Ländern, ist auf der Suche nach einem neuen Gravitationszentrum. Das „Contra“, das Lagerdenken also, hat sich nicht etwa überholt, aber erschöpft. Derzeit ist das bei mir nur ein recht vages Gefühl. Aber gerade die Zunahme an Esoterik, an Märkten für Orientierungslose, damit einhergehend die unglaubliche Verbreitung von Verschwörungstheorien, können nicht nur Zufall sein oder ausschließlich den besseren Verbreitungsmöglichkeiten geschuldet. Andererseits: Wie erklärt sich die Zunahme an „Rankings“, beginnend bei der glänzenden Geschäftsidee von „Forbes“ (übrigens: unter den 100 Mächtigsten dieser Welt ist neuerdings auch ein mexikanischer Drogenboss zu finden) und endend bei den „Vorbildern“ der ZEIT http://www.zeit.de/2009/47/Vorbilder-Editorial ?
    Ich finde, Hardob, wir leben in einer ungewöhnlichen Zeit, alleine, dass dieser Meinungswechsel möglich ist, wäre mir vor etlichen Jahren unvorstellbar gewesen. Auch dafür danke ich Ihnen.
    Ihr e2m

    ed2murrow

    13. November 2009 at 12:22

  3. Ei wei, lieber e2m, da hat mir die russiche orthodoxe Kirche gerade noch rechtzeitig und gehörig hineingehagelt in meine Antwort. Ich hörte heute im Radio, den hochvornehmen Erzbischöfe Ilarion, der sagte, Kirche verlange die Treue zur Bibel und zu christlichen Tradtionen. Werden Entscheidungen gegen die Bibel und die Tradionen getroffen, so sei er (als Leiter des kirchlichen Außenamtes) sehr unzufrieden. Präzisiert wurde er vom Vertreter der russischen Kirche in Deutschland, Erzbischof Longin (ich hoffe, ich habe den Namen richtig verstanden), der meinte. Dialog sei schon wichtig, wenn jemand aber meine, er müsse unbedingt Frauen in priesterliche Ämter weihen, da könne er sagen, solchen Dialog brauchen wir (die russische Kirche) nicht. Womit er einen dicken Faden eines traditionellen bibilischen Verständnis fest in der Hand hält, die auch den Rosenkranz betet.

    Nun scheinen alle Weltreligionen Schwierigkeiten mit der Akzeptanz weiblicher Priesterschaft zu haben und selbst das Luthertum hat diese Phase nicht überwunden, wie die Reaktion aus der lutherischen Kirche in Russland zeigt.

    Eine Diskussion oder Kritik der männlichen Dominanz in den Glaubensorganisationen würde mich aber gerade und insgesamt überfordern.

    Also bleiben nur ein paar Gedanken zum Moskauer Patriarchat. Das hat ein dreiviertel Jahrhunder lang gelitten unter Verfolgung und Anpassungsverrenkungen und kam ganz unverhofft zu neuer Blüte und neuem Stolz. Ein Zwang zur Demut war nicht gegeben, einerseits litt man mehr als genug unter den Verfolgungen des ehemaligen und gescheiterten Pristerseminaristen – http://www.ndrinfo.de/kultur/buch-tipp/buchtipp208.html – und dessen nachlässigeren Epigonen, andererseits hat man an seiner Seite den Großen Vaterländischen Krieg auch ein bisschen mitgewonnen. Eine Zäsur und eine Verpflichtung zur Neubesinnung, wie sie die deutschen Kirchen mit dem Zusammenbruch des Terrorreiches erlebten, hat sich für die russische Kirche gar nicht erst ergeben. Auch scheinen die russischen Frauen bei weitem noch nicht die Ansprüche auf Gleichberechtigung und Emanzipation zu stellen, wie sie in Westeuropa mehr oder weniger selbstverständlich geworden sind. Russland scheint ungebrochen unter Zar, Generalissimus und Alkohol- oder testosterongesteuerten Präsidenten vordergründig eine sehr männliche Verantaltung geblieben zu sein.

    Also will ich jetzt einmal Verständnis zeigen für die Reaktion des russichen Episkopats auf die Wahl der geschiedenen Frau Käßmann zur EKD-Ratspräsidentin, die ich für eine gute Wahl halte, und dieser anempfehlen, in dieser Frage ganz gelassen zu bleiben und in christlicher Nächstenliebe zu reagieren.

    hardob

    13. November 2009 at 23:06

  4. noch zur Ergänzung: Narütlich gibt es auch im deutschen Luthertum nämliche Vorbehalte;

    „Auch konservative Protestanten in Deutschland verteidigten den Schritt der russisch-orthodoxe Kirche. Diese sowie viele lutherische Christen in Russland und aller Welt sähen in der Wahl der hannoverschen Landesbischöfin Käßmann „einen weiteren Sieg der liberalen, feministisch-ideologischen Strömung“, sagte der Vorsitzende der Konferenz Bekennender Gemeinschaften in Deutschland, Ulrich Rüß. Dies schade nicht nur der Ökumene, sondern auch der Einheit der evangelischen Kirche insgesamt. Diese wachse allein „mit der Treue zur Bibel und zum Bekenntnis sowie mit der ideologiefreien Zentrierung auf Christus und im Bezeugen des Dreieinigen Gottes“

    aus: http://www.evangelisch.de/themen/religion/evangelische-kirche-wundert-sich-ueber-orthodoxe6703#comment-7286

    Dieser „Käs ist noch lange nicht gegessen“.

    hardob

    14. November 2009 at 12:09

  5. Und selbst in der russischen Kirche wird nichts so heiß gegessen …“Man werde die Kontakte zur EKD auch nach der Wahl von Bischöfin Margot Käßmann zur obersten Repräsentantin der des deutschen Protestantismus nicht abbrechen, sagte der stellvertretende Außenamtsleiter der Moskauer Patriarchats, Philipp Rjabych, am Dienstag. Allerdings sei ein Neustart der Beziehungen nötig.“
    (http://www.evangelisch.de/themen/religion/russisch-orthodoxe-kirche-will-kontakt-zu-ekd-weiterfuehren6876)

    hardob

    17. November 2009 at 21:37

  6. […] von der Sorge vor „der“ Zeitenwende getrieben. Sie hat einst der Malachias vorhergesagt, und seine Deuter sehen in dem sechzehnten Benedikt den letzten Pontifex, bevor „die Sieben-Hügelstadt zerstört […]

    Drei Mal schwarzer Kater «

    4. Dezember 2012 at 13:50


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