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Zwei Artikel in der „Times“ und die NATO – Eine Analyse

Der ausgestreckte Zeigefinger
The Times berichtete gestern in ihrer online-Ausgabe, der italienische Geheimdienst habe, um die eigenen Truppen in Rahmen der ISAF zu schonen, an Clans in Afghanistan Geldzahlungen geleistet. Diese Praxis sei einem nachrückenden französischen Kontingent gegenüber verheimlicht worden, das deswegen die Sicherheitslage falsch eingeschätzt und bei einem Überfall 10 Soldaten verloren habe. Die italienische Regierung erwiderte postwendend mit einer erbosten Note, in der sie die Vorwürfe dezidiert zurückweist. Verteidigungsminister Ignazio La Russa bezeichnete den Artikel als „Müll“ und kündigte rechtliche Schritte gegen die Zeitung an. Offenbar unbeeindruckt hat die Times in der heutigen Ausgabe das Argument erneut gebracht und unter anderem einen Kommandeur der Taliban zitiert, der behauptet, es habe „Schutzgeldzahlungen“ in ganz Afghanistan gegeben, auch „Bestechungen“ für die Gefälligkeit, Soldaten nicht anzugreifen.

Konfliktbewältigung erhält hier, liest man den Artikel zu Ende, eine ganz eigene Betonung. Was aber vordergründig auf Italien bezogen scheint, weil man von dort so etwas zu kennen meint, könnte bei näherem Hinsehen die Ankündigung eines handfesten transatlantischen Streits sein. Denn der Zeitpunkt des Erscheinens der Artikel sowie der darin enthaltene erhobene Zeigefinger sind recht ungewöhnlich.

als Teil einer Hand
Ungeachtet der pazifistisch anmutenden Projizierung eines Friedensnobelprei-ses hat U.S.-Präsident Barack Obama keine Zweifel an seinen militärischen Prioritäten aufkommen lassen: Abzug aus dem Irak, verstärkter Einsatz in Afghanistan. Erst kürzlich wurde über Umwege bekannt, dass die u.s.-amerikanische Präsenz am Hindukusch massiv verstärkt worden sein soll, ohne dass die Öffentlichkeit zunächst davon informiert worden sei. Dabei geht es der Administration nicht um dieses Land alleine. „Die Zukunft Afghanistans ist unauflöslich mit der Zukunft seines Nachbarn Pakistan verbunden“, sagte der Präsident bereits im März diesen Jahres , und fügte an: „Aber das ist nicht nur ein amerikanisches Problem. Die Sicherheit von Menschen auf der ganzen Welt steht auf dem Spiel.“  Zwei Monate nach Amtsantritt umriss Obama mit diesen drei Kernsätzen den neuen Brennpunkt politischer, aber auch strategischer Bemühungen seiner noch jungen Amtszeit. Sein Vorgänger Bush konnte nach religiös verbrämten linguistischen Entgleisungen um einen „neuen Kreuzzug“, einer „Achse des Bösen“ und dem Nachweis, vor der UNO mit gezinkten Karten in Bezug auf Massenvernichtungswaffen im Irak gespielt zu haben, weder dem Ausland noch der eigenen Bevölkerung verkaufen, es könnte in Asien noch einen Schurken geben. Man hätte ihm schlicht nicht geglaubt. Eine solche Rhetorik hat Barack Obama nicht nötig. Im kühlen Ton des nüchtern analysierenden Professors nimmt er sich Pakistans an, das nachgewiesenermaßen das einzige Land im Besitz einer „islamischen Atombombe“ ist. Und damit, vor allem nach dem Feldzug im Swat-Tal und den sich daraus entwickelnden Bombenanschlägen islamistischer Fundamentalisten im Wortsinne ein Pulverfass im globalen Ausmaß darstellt.

Die wen meinen könnte
Mag die Analyse auch zutreffend sein, es ist ganz sicher die strategische Umsetzung, die der amerikanischen Administration die größten Sorgen bereiten dürfte. Denn schon für Afghanistan wird jedes Menschenleben aus den Reihen der Soldaten aus 42 Nationen als eines zuviel angesehen. Als am 19. August 2008 die bei Times genannten französischen Soldaten starben, ließ ihr Präsident Sarkozy keinen Zweifel daran, dass es „die Ehre Frankreichs und seiner bewaffneten Kräfte gebiete, das als richtig erkannte Anliegen zu verteidigen“. Ein Rückzug komme für ihn nicht in Frage. Das sieht die Opposition ganz anders und verlangt klare Zeitrahmen, wie auch die in den Niederlanden. Oder in Italien, nachdem 6 Soldaten am 17. September bei einem Hinterhalt ihr Leben verloren. Selbst im Vereinigten Königreich, das das größte europäische Kontingent stellt und zusammen mit Spanien justament die Auslandskräfte noch einmal erhöht hat, wackelt die Treue. Den Unmut der Wähler für das kommende Jahr ins Kalkül ziehend,  forderte der konservative Herausforderer Cameron Premier Brown vorgestern auf, die militärische Ausrichtung der Intervention „grundlegend zu überprüfen“.  Deutschland befindet sich, wie so oft, in einer Sonderrolle: Nach einem Wahlkampf, zu dem „die Linke“ auf einem Truppenrückzug Teile ihres Wahlkampfs aufbaute und damit einen offensichtlichen Erfolg verbuchen konnte, stünden einer christ-liberalen Koalition echte oder vorgeschobene pazifistische Argumente wie aus Teilen der SPD in der Vorgängerregierung nicht im Wege. Trotzdem bleiben die Unwägbarkeiten von finanziellen Engpässen, die Unerfahrenheit eines designierten Außenministers Westerwelle sowie der bisweilen ungeschickt agierende bisherige Verteidigungsminister, von der öffentlichen Meinung ganz zu schweigen. Und doch, oder gerade deswegen, schaut Europa ganz genau auf ihr wirtschaftliches Flaggschiff und fordert hinter vorgehaltener Hand die praktische Wahrnehmung der Führungsrolle auch in dieser Konfliktfrage, die auf dem „alten Kontinent“ seltsame Allianzen und unerwartete Risse quer durch alle politischen Orientierungen provoziert. Aber wie soll sich Europa verhalten, wenn die sicherheitspolitische Vision jenseits des Atlantiks noch viel weiter geht, als die, die jetzt schon dazu geführt hat, dass bei der schieren Erwähnung des Wortes „Hindukusch“ bei weiten Teilen der Bevölkerung und ihrer Repräsentanten mentale Blockaden auftreten?

Und  wirklich meint
Wenn die Times mit dem nackten Finger auf ein Land gezeigt hat, das sich den Darstellungen zufolge gerade einmal so durchlaviert hat, dann ist ganz sicher keine italienische Spezialität gemeint. Es hätte auch gar keinen Sinn, sich wegen eines Geschehens von vor über einem Jahr in dieser Weise einer Nation anzunehmen, die selbst erst kürzlich schmerzlich erlebte Verluste erlitten hat. Dazu steht viel zu sperrig der Kommentar eines NATO-Offiziers im Raum:  „In solchen Dingen sollte man nicht zu sehr die reine Lehre sehen. Es macht durchaus Sinn, lokale Gruppen finanziell für sich einzunehmen und friedliche Mittel einzusetzen, um Gewalt nieder zu halten.“ Die Essenz, dass man Frieden nicht (oder doch) erkaufen kann, samt Implikationen und Konsequenzen, dürfte an alle gerichtet sein, die es angeht. Manche meinen, das sei die ganze Welt.

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Written by ed2murrow

16. Oktober 2009 um 21:13

Veröffentlicht in Europa, Politik

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