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Europa ist mitten unter uns

Herbst-ZEIT-lose

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Deutschland begeht seinen Nationalfeiertag, der auf der Wiedervereinigung zweier vormals durch undurchlässige Grenzen getrennte Länder beruht. Eines konnten die Betonwände und Schussanlagen nicht: Verhindern, dass über den Äther Nachrichten empfangen wurden. Selbst die Menschen im „Tal der Ahnungslosen“ wussten, was in Prag oder an der österreichisch-ungarischen Grenze vor sich ging, denn wichtige Nachrichten verbreiten sich ganz von selbst. Möchte man meinen.

Das Bild, das Medien hierzulande gerne von sich selber malen, lautet: Informationsbeschaffung, klar und wahr, bis sogar ein Unrechtsregime stürzt. Und das ist auch das Bild, das sich hierzulande eingepflanzt hat, wenn es um Zensur geht: Ein obrigkeitliches Diktum, erlassen von einer Horde grauer alter Männer, das das Schwärzen, Anschwärzen und Vergessen befördert. Daher echauffiert man sich bei den Stichworten China, Iran, Korea usf.. Es geht insgesamt aber auch subtiler, schleichender, erodierend, heute, ganz in der Nähe.

Roberto Saviano schrieb gestern darüber[1], The Times online[2] und El Paìs[3] ebenfalls, der Ankündigung des Autors folgend, der bemerkte: „Dieser Artikel wird auch in El Paìs, The Times, Le Figaro, Die Zeit, im schwedischen Expressen und im portugiesischen Espresso veröffentlicht.“ Es gehört Mut dazu, sich nicht nur mit der Camorra anzulegen, sondern mit dem zweiten Übel der italienischen Wirklichkeit: Einem Ministerpräsidenten, der kraft unternehmerischer Tätigkeit annähernd 40% des Medienmarktes (Radio, Presse und TV) beherrscht und kraft Amtes die Kontrolle über weitere 30% desselben Berittes ausübt. Aber nicht die „Belohnung“ dieser Courage sollte das Anliegen sein, sondern die schlichte Solidarität gegenüber der beherzten Darstellung von dem, was sich jenseits lieb gewonnener Perspektiven abspielt. Vor allem, wenn die Solidarität angekündigt ist.

ZEIT-online hat sich (bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der vorliegenden Zeilen) dem entzogen. Heute, 13:11 Uhr findet sich über Italien auf deren Index-Seite ein Artikel, über die Katastrophe von Messina, als übernommene dpa-Meldung, unter der Rubrik „Studium“ (sic!). Über die Such-Funktion lässt sich über Saviano „nur“ eruieren, dass dieser den Geschwister-Scholl-Preis verliehen bekommt, ein Preis für Zivilcourage. Und doch nicht dessen Artikel, der diese Zivilcourage demonstriert, buchstäblich. Und nichts über die Demonstrationen in Italien, Berlin und zahlreichen anderen Städten Europas. Vielleicht in der Print-Ausgabe, ich habe sie mir bis heute versagt. Denn ich wollte und will wissen, wie weit es her ist mit Grenzüberwindungen und Selbstverständnis dieses Flaggschiffs der Information. Als Zwischenergebnis schreibe ich mir auf: Grenzüberwindung sieht anders aus, Informationen auch[4].

Nachtrag: Bei Sichtung um 15:00 Uhr hat es ZEIT-online immerhin geschafft, die Nachricht über die Katastrophe von Messina unter die Rubrik „Gesellschaft“ zu stellen.

 [1] http://ricerca.repubblica.it/repubblica/archivio/repubblica/2009/10/02/cosa-vuol-dire-liberta-di-stampa.html Roberto Saviano, „Was bedeutet Pressefreiheit“, Repubblica-online, vom 2. Oktober 2009
[2] http://www.timesonline.co.uk/tol/comment/columnists/guest_contributors/article6857539.ece „Italien will Antworten, keine Schmierereien und Drohungen“, vom 2. Oktober 2009[3] http://www.elpais.com/articulo/opinion/libertad/prensa/Italia/elpepiopi/20091002elpepiopi_14/Tes „Für die Pressefreiheit in Italien“, vom 2. Oktober 2009-10-03
[4] http://community.zeit.de/user/ed2murrow/beitrag/2009/10/03/saviano-und-der-zeitonlineleser-eine-unfreiwillige-internationalis

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Written by ed2murrow

3. Oktober 2009 um 13:35

Veröffentlicht in Deutschland, Journalismus, Kultur

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