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Europa ist mitten unter uns

Vom Anreiz, zu rasen

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Der populärste Bonus ist etwas, was beinahe jeder Autobesitzer kennt und eigentlich ein Rabatt. Bleibt man unfallfrei, erhält man ein Geschenk in Form einer Verminderung des Versicherungsbeitrages, eben den Schadensfreiheitsrabatt. Warum sollte man also den Bonus einer Führungskraft verwehren, die dank ihres Ausscheidens (weiteren) Schaden vermieden hat?

Die Betrachtungsweise ist nicht so verquer, wie sie scheint. Zur Veranschaulichung darf man dabei nicht auf jemanden wie Manfred Wennemer zurückgreifen. Der hatte zwar mit der Milliardenübernahme von VDO sein Conti so verschuldet, dass das ihm anvertraute Unternehmen Beute für die durch zwei abgebrochene Studien ausgewiesene Fachfrau Maria-Elisabeth Schaeffler wurde. Aber immerhin ist er als Wirtschaftsführer abgetreten, selbst wenn sich das noch nicht überall herumgesprochen haben sollte. Gemeint sind die ganz stillen Abwicklungen zu „CSM-spread-ladder-swaps“ und „Cross-Border-Leasing“ in deutschen Kommunen. Letzteres ist nur das kleinere Übel, denn bekanntlich reguliert sich ein Abwassernetz ganz von alleine mit Hilfe der Schwerkraft, egal wem die Rohre gehören. Kniffliger ist es bei dem bundesweiten Milliardenverlust, der bei der Zockerei um Zinsderivatgeschäfte entstanden ist. Nachdem kürzlich ein Obergericht verkündet hat, dass auf Seiten der geschädigten Gemeinden und deren Wirtschaftsbetriebe „fach- und sachkundige Personen standen, die genau wussten, worauf sie sich einließen”, ist der Hauptbösewicht Deutsche Bank im Spiel um den längeren Hebel abhanden gekommen. Im besten Fachchinesisch wird also jetzt unterrichtet, dass „die Verluste aus den Zins-Derivaten wirtschaftlich längst abgewickelt sind”. Und verschweigt geflissentlich, wer, wann und warum gegen das kommunale Spekulationsverbot verstoßen hat, Bürgermeister inklusive. Denn Rechenschaft ist die Tochtergesellschaft nur der Muttergemeinde und ihrem Rat schuldig, der ohnehin via Ämtervereinigung Bescheid weiß. Fragende Bürger würde da nur stören. Was auch ein Schlaglicht darauf wirft, was es bedeutet, wenn der Staat Unternehmer sein will. Ganz anders sieht das die Staatsanwaltschaft in Mailand. Bei einem Bond von 1,6 Milliarden Euro für die Stadt hätten Banken, unter ihnen die Deutsche, 101 Mio. als „verdeckte Provisionen“, die unter Zinsderivatgeschäften kaschiert waren, kassiert. Das wird dort als Betrug bewertet. Dass die Ankläger nur ihren Heimatverein AC Milan rächen wollen, weil dieser entgegen des staatlichen Wettmonopols (sic) bei einem Spiel in Bayern Trikotwerbung für ein bekanntes Wettportal betrieben hatte und dafür nun 100.000 € an die Stadt München überweisen musste, ist da nur böswillige Unterstellung.

Offensichtlich geht es den Geldschaffenden, gleich ob in Wirtschaft oder Politik, wie dem Führerscheinneuling: Schneller, weiter, größer unter Missachtung des größten anzunehmenden Unfalls. Warum also nicht auch eine Rabattierung für Gehälter: Einstieg bei 125% des größtmöglich denkbaren Verdienstes, um das persönliche Haftungspolster wegen naiver Anfängerfehler auszustatten; Skalierung nach unten unter Berücksichtigung von Erfahrung und sinkendem Druck, sich beweisen zu müssen; Mündelsichere Anlage von 75% der Vergütung als Rückgriffsmöglichkeit, wenn partout der Beweis nicht gelingen mag, völlig unschuldig zu sein; Auskehrung der Anlage, wenn das Arbeitsleben vorbei ist. Und wenn bei solchen Aussichten jemand partout nicht arbeiten will, die Versetzungsklausel in Richtung WC. Wer die Latrinenparolen kennt, weiß wenigstens Bescheid. Schade nur, dass sich dieses Modell nie durchsetzen wird. Was „mündelsicher“ bedeutet, weiß heute keiner mehr.

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Written by ed2murrow

13. September 2009 um 22:21

Veröffentlicht in Deutschland, Politik

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