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Momentaufnahme Italien: Der dreifache Tod des Giuseppe Diana

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Als er am frühen Morgen des 19. März 1994 auf die Frage: „Wer ist Don Peppino?“ geantwortet hatte: „Das bin ich“, wurde er erschossen. Kurz vor der Frühmette, in seiner Kirche San Nicola di Bari des Städtchens Casal di Principe. Von der Camorra. Pfarrer Don Giuseppe (Peppino) Diana wurde 36 Jahre alt, der erste Geistliche in der Nachkriegsgeschichte Italiens, der nachweislich von der Camorra ermordet wurde. 

Der physischen Eliminierung folgte der Rufmord. Der Priester sei umgebracht worden, weil er a) sich geweigert habe, für ein verstorbenes Mitglied der Camorra eine Begräbnismesse zu feiern, b)  eine Geliebte gehabt habe, deren Ehemann sich für diese Beleidigung rächen wollte oder c) für einen Clan Waffen aufbewahrt und deren Rückgabe verweigert habe. So einige Thesen, vor allem des Kronzeugen Giuseppe Quadrano, die begierig von vielen nicht nur der Camorra nahe stehenden Publikationen aufgegriffen wurden, als es darum ging, ab 2001 das Verbrechen vor der Justiz aufzuarbeiten. Die sich nicht beirren ließ und im März 2004 endgültig urteilte, dass Quadrano selbst mit einem Komplizen den Mord begangen hatte und die Täter lebenslang hinter Gitter schickte. Die pittoresken Thesen verwerfend, wurde das Motiv für den Mord minutiös herausgearbeitet: Quadrano sollte mit dem Mord an dem Kirchenmann und Hoffnungsträger der Jugend nicht nur ein Exempel statuieren, sondern vor allem dem damals regierenden Clan der Schiavone Schwierigkeiten bereiten. Nachdem dieser die absolute Dominanz über das Gebiet von Casal di Principe ausübte, wäre der Mord automatisch auf diese „Familie“ zurückgefallen, Polizeipräsenz und öffentliche Meinung hätten deren Bewegungsfreiheit empfindlich eingeschränkt. Kein anderer Mord hätte so viel Symbolkraft und gleichzeitig strategische Vorteile im internen Clankampf gehabt wie der an dem Priester[1]. In der perversen Mentalität der Territorialkämpfe wäre das Opfer Dianas das Mittel gewesen, zwischen verfeindeten Clans einen Waffenstillstand zu vermitteln, indem die Übermacht der Schiavone beschnitten wurde[2].

Fünfzehn Jahre nach seiner Ermordung, fünf Jahre nach der unzweideutigen Bestimmung der Rolle des Opfers, wurde Don Diana nun erneut die Zielscheibe der falschen Verdächtigungen. Nicht vonseiten eines späten Zeugen oder eines anderen reuigen Camorrista, Gaetano Pecorella ist etwas ganz anderes. Jahrgang 1938, von linksextremen Positionen zu den Sozialisten des korrupten ehemaligen Ministerpräsidenten Bettino Craxi[3] gedriftet, bei deren Auflösung zur Forza Italia (heute Popolo della Libertà) des jetzigen Regierungschefs Silvio Berlusconi, dessen Strafverteidiger und seit mehreren Legislaturperioden Mitglied der römischen Abgeordnetenkammer, viele Jahre Vorsitzender der ständigen parlamentarischen Justizkommission und heute Vorsitzender des Untersuchungsausschusses, der unter anderem die Verbindungen zwischen dem staatlichen Apparat und dem organisierten Verbrechen bei der Müllbeseitigung untersuchen soll, Schwerpunkt Neapel und Umgebung. Ein Mann, wie man sieht, von Gewicht, politisch und beruflich, dessen Worte immer Widerhall finden. So am Abend des 20.Juli 2009, als er im Laufe der Sendung Iceberg des Fernsehsenders Telelombardia äußerte: “ Wisst Ihr denn, wer dieser Peppino Diana überhaupt war? Das war einer, der Waffen für die Mafia verwahrte.“ Die Äußerung wäre nicht weiter öffentlich geworden, wenn in der Sendung nicht auch Nando Dalla Chiesa, Sohn des 1982 von der Mafia ermordeten Generals und Antimafiapräfekts von Palermo, Carlo Alberto Dalla Chiesa, anwesend gewesen wäre. Auf dessen Vorhalt, er solle es unterlassen, Dreck auf Opfer der Camorra zu werfen, antwortete Pecorella, dalla Chiesa würde wohl die Gerichtsakten nicht kennen[4].  Denn er, der Abgeordnete Pecorella, kennt sie sehr gut. Zu der Zeit, als er Vorsitzender der Justizkommission war, fungierte er auch als Verteidiger von Nunzio de Falco, der in einem gesonderten Prozess als Auftraggeber des Kronzeugen Quadrano und damit als Mandant des Mordes an Don Peppino zu lebenslanger Haft in zweiter Instanz verurteilt wurde. Der Verteidiger eines der herausragenden „Familienoberhäupter“ im Kampf um die Vorherrschaft auf dem Territorium der Casalesi hatte sich selbstverständlich die Angaben von Quadrano zu eigen gemacht, um seinem Klienten das Gefängnis[5] zu ersparen. Interessanterweise äußerte sich der Abgeordnete aber weder als solcher, noch als Strafverteidiger, noch als Parteimitglied des PdL[6], sondern ganz als Privatmann (oder der Vollständigkeit halber: Als alles zusammen), denn seine  Aussage fiel spontan in einem „Off“ während einer Werbeunterbrechung auf Fragen aus dem Publikum.

Und das hat jenen Roberto Saviano auf den Plan gerufen, der auch in Deutschland bekannt geworden ist mit seinem Buch „Gomorra“ und dem darauf folgenden Kinofilm. Saviano widmet Don Diana ein eigenes Kapitel[7]: Die vorgelebte Art und Weise, wie ein unorthodoxer junger Pfarrer im staatlichen, religiösen und sozialen Niemandsland so eindrucksvoll gewirkt hatte, dass er für die Camorra zum nachhaltigen Störfaktor wurde, war und ist für Saviano Grund für sein Engagement[8] und dafür, dass er seit Jahren  im Untergrund unter Polizeischutz lebt. Don Diana demaskierte die falsche Religiosität der Clanführer und ihre Riten als reines Vehikel der Disziplinierung ihres Fußvolkes, desavouierte den Begriff der „Familie“, wie sich die Clans zu nennen pflegen, als eine Beleidigung für den christlichen Familienbegriff und setzte in Jugendarbeit und sozialen Diensten für die damals erstmals einsickernden afrikanischen Zuwanderer Maßstäbe. Aber nicht nur die unmittelbare Vernichtung des Priesters bewegte und bewegt Saviano heute noch. Es ist, wie er sagt, der von ihm am Grab des Priesters abgelegte Schwur, „das Andenken derjenigen zu verteidigen, die  in meiner Heimat gestorben sind, weil sie die Clans bekämpft haben“[9]. „Warum“, so Saviano in einem offenen Brief in der Tageszeitung La Repubblica vom 1. August 2009, „bewirft Pecorella Don Diana mit Dreck?“[10]. Er beantwortet die Frage nicht, sondern packt den Abgeordneten bei der Ehre, nicht der, wie sie die  sog. „ehrenwerten Gesellschaft“ verstanden wissen will, sondern: Ehre ist es, wenn  die eigene menschliche Würde von großem Unrecht verletzt wird, wenn man sich unabhängig von Vor- oder Nachteilen geradlinig verhält, wenn man das verteidigt, was es wert ist, verteidigt zu werden. Und die Ehre, die habe ich hier im Süden erlernt.“ Und fragt im gleichen Artikel, ob Pecorella es als legitim erachte, den Vorsitz der Justizkommission des italienischen Parlaments zu bekleiden und gleichzeitig den Boss de Falco zu verteidigen. Oder heute die Untersuchungskommission zur Müllfrage zu leiten, während die Casalesi als die größten Nutznießer in der illegalen Müllbeseitigung gelten, also seine natürlichen Feinde sein müssten, obwohl er einen ihrer Anführer verteidigt hatte.

Dass sich daraus der klassische politische Sturm im Wasserglas[11] unter Berücksichtigung des besonderen Verhältnisses[12] zwischen Saviano und Pecorella entwickelte, der schließlich gezwungen war,  sich öffentlich bei der Familie von Don Diana zu entschuldigen[13], ist nicht der Schlusspunkt dieser Momentaufnahme. Es ist vielmehr die besondere Optik, schon mehr als nur die Malaise, die den Blick fokussiert, wenn man bereit ist, den Kontext dieser kurzen Sommerepisode zu berücksichtigen. Im zweiten Teil dieses Beitrags.

(Der zweite Teil des Beitrages hier)

ausgegeben in: Momentaufnahme Italien

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[1] Giuè Rosario, Il costo della memoria. Don Peppe Diana. Il prete ucciso dalla camorra, Paoline Editoriale Libri, 2007, S. 187 ff.
[2] Roberto Saviano, Gomorra, Arnoldo Mondadori Editore, Milano, 14. Aufl., November 2006, S. 241 ff.
[3] 1934 geboren, war Bettino Craxi eine der schillerndsten politischen Figuren der italienischen Nachkriegszeit. Erster sozialistischer Ministerpräsident der Geschichte Italiens, bleibt er wohl vor allem wegen zweier Umstände in unmittelbarer Erinnerung: Wegen der Legalisierung per Dekret der bis dahin in einer Grauzone operierenden Fernsehsender (http://www.agoramagazine.it/agora/spip.php?article1111 erfasst am 07.08.2009) der Fininvest seines Intimfreundes und heutigen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi vom Oktober 1984, wofür sich der damalige Unternehmer überschwänglich bei Craxi bedankte (ebenda); Und wegen seiner Flucht vor der Justiz nach Tunesien, wo er im Jahr 2000 gestorben ist, um langjährigen Haftstrafen zu entgehen, zu denen er rechtskräftig verurteilt wurde, ua. wegen Korruption im Zusammenhang mit ENI (Ente Nazionale Idrocarburi, siehe http://ricerca.repubblica.it/repubblica/archivio/repubblica/1994/12/07/scandalo-eni-sai-cinque-anni-mezzo.html erfasst am 07.08.2009);  Craxis Tochter Stefania ist von der derzeitigen Regierung Berlusconi zur Staatssekretärin im Außenministerium berufen.
[4] Dalla Chiesa veröffentlichte die Nachricht auf seinem Blog am 24.Juli 2009 http://www.nandodallachiesa.it/public/index.php?option=com_content&task=view&id=1136&Itemid=39 und berichtete wenig später an gleicher Stelle darüber, dass zwei Zuschauer, die Pecorella nach der Sendung über seine Äußerungen befragen wollten, am nächsten Morgen Besuch von der Polizei erhielten, weil sich der Abgeordnete in seiner Privatsphäre beeinträchtigt gefühlt habe. Was wiederum den Journalisten Nello Trocchia veranlasste, Pecorella zu seiner Haltung zu befragen (http://www.articolo21.info/8794/notizia/don-peppino-diana-la-memoria-e-i-moventi.html). Am 1. August veröffentlichte Roberto Saviano wegen der dortigen Aussagen über „La Repubblica“ einen offenen Brief an Pecorella unter dem Titel: „Warum bewirft Pecorella Don Peppe Diana mit Dreck?“
(siehe http://ricerca.repubblica.it/repubblica/archivio/repubblica/2009/08/01/saviano-perche-pecorella-infanga-don-peppe-diana.html ). Sämtliche Links sind am 07.08.2009 erfasst.
[5] De Falco wurde im Juli 2009 rechtskräftig zu lebenslanger Haft wegen des Mordes an Mario Iovine im Rahmen des Bandenkriegs in und um den sog. „Clan die Casalesi“ verurteilt; Sein Verfahren als Auftraggeber des Mordes an Don Diana schwebt in der Revisionsinstanz, er wird dort nicht mehr von Pecorella vertreten.
[6] Während der Sendung habe er, so Dalla Chiesa (oben Fn. [4]), seinen Parteifreund und Senator Marcello Dell’Utri in Schutz genommen, der bekanntlich am 11.12.2004 ua. zu einer noch nicht rechtskräftigen neunjährigen Haftstrafe wegen Beteiligung an einer mafiösen Organisation .
[7] s.o. Fn. [2]
[8] wie wir dem Kapitel zu oben Fn. [2] entnehmen können, suchte Saviano einen engen Freund des Ermordeten auf, der ihm aus der nie gehaltenen Grabesrede vorlas. Sie endet mit: „Es wird Zeit, dass wir aufhören, ein Gomorra zu sein.“ (aaO., S. 265)
[9] s.o. Fn. [4]
[10] s.o. Fn. [4]
[11] Am 2. August verlangte die Opposition, dass Pecorella den Vorsitz am Untersuchungsausschuss niederle soll,  http://ricerca.repubblica.it/repubblica/archivio/repubblica/2009/08/02/bufera-su-pecorella-il-pd-si-dimetta.html , was dieser postwendend ablehnte, http://ricerca.repubblica.it/repubblica/archivio/repubblica/2009/08/02/nessuna-intenzione-di-lasciare-basta-eroi-dell.html sämtlich erfasst am 11.08.2009
[12] In „Gomorra“, aaO. Fn. [2], S. 261, schildert Saviano, wie er angesichts von Angeklagtem und Verteidiger bei Urteilsverkündung innerlich auflachte. De Falco war unter dem Spitznamen „o’ Lupo“ (der Wolf) bekannt, sein Verteidiger Pecorella hingegen bedeutet „das Schäfchen“. Diese Szene hat der Abgeordnete dem Schriftsteller nie verziehen, denn in einem Artikel einer in Caserta erscheinenden Tageszeitung wird Pecorella am 2. August so zitiert: „Wenn Saviano in seinem Buch beschreibt, dass ihm bei Verlesen eines Richterspruches, der eine Person mit Spitznamen „O Lupo“ (der Boss Nunzio de Falco, AnmdR.) verurteilt, nach Lachen zumute war, weil diese von einem Schäfchen verteidigt wurde, dann zeigt er wenig menschliches Einfühlungsvermögen und beweist, die am wenigsten geeignete Person zu sein, über solche Dinge zu sprechen.“ Vgl. http://www.casertanews.it/public/articoli/200908/art_20090802065211.htm erfasst am 11.08.2009
[13] siehe http://ricerca.repubblica.it/repubblica/archivio/repubblica/2009/08/04/mi-spiace-di-aver-provocato-amarezza.html erfasst am 11.08.2009

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Written by ed2murrow

13. August 2009 um 09:48

Veröffentlicht in Italien, Momentaufnahme Italien

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