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Würde, wie ich sie meine: Überlegungen zu einem Jahrestag des deutschen Grundgesetzes

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Nur wenige Verfassungen dieser Welt kennen den Begriff, erst recht nicht an erster Stelle als ein Schild gegen jeglichen staatlichen Machtanspruch, und das seit nun 60 Jahren: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Selbst die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 stellt die Freiheit oben an („Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“). Es war sicher revolutionär, ein mit moralischen und ethischen (Vor-)Urteilen beladenes Wort der Völkergemeinschaft als Grundwert vorzustellen. Geradezu waghalsig, es, wie im Deutschland des unmittelbar untergegangenen Wahns, als Abwehrrecht jedes einzelnen Menschen und zugleich als Handlungsgebot des Staates zu formulieren: „Sie achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Und doch ist dieser so unbestimmte, ja geradezu unbestimmbare Begriff der Dreh- und Angelpunkt unseres Werdegangs.

Der trockenen juristischen Beschreibung des „allgemeinen Persönlichkeitsrechts“ liegen ganz reale und konkrete Verhältnisse zugrunde. „In Würde sterben“ ist unser Wunsch, nachdem medizinischer Fortschritt die Lebensverlängerung jenseits jeglicher Erwartung ermöglicht hat; „In Würde leben“ die Forderung nach sozialer Ausgewogenheit, die durch nie da gewesene staatliche Intervention möglich erscheint; „In Würde geboren werden“ die Kasuistik erkannter erblicher, aber auch sozialer Faktoren, die über Menschwerdung erst entscheiden (sollen).Das alltägliche Leben, von seinem Anfang bis zum Ende, ist durchdrungen von dem scheinbar widersprüchlichen Bedürfnis, sich einen Rahmen zu geben, das seine freie Entfaltung erlaubt. Einige der Gewissheiten über das, was „Würde“ für die Verfasser des GG war, sind im Laufe der Zeit verschwommen. Etwa dass die Frau, in ihrem ureigenen Wesen, nicht der Schlüsselgewalt des Mannes zu unterstehen und damit, mit aller Konsequenz, selbst über sich und ihre Frucht zu entscheiden hat. Oder die nicht vorhersehbare Abstraktion des „digitalen Menschen“, der aufgrund exponentieller Rechnerleistungen zur Zurückführung alltäglicher Verrichtungen auf Profile Personen transparent und damit für Staat und Marketing verfolgbar macht. Und wie das Passagierflugzeug, das mit 900 km/h nicht nur mit Treibstoff beladen, sondern mit 200 Unschuldigen auf ein strategisches Ziel steuert, die Frage aufwirft: Quantifizierung oder Prinzip der Gleichwertigkeit? Trotzdem besteht der Rahmen weiter, und er ist jeden Tag neu zu entdecken, auch und gerade im Umgang der Menschen untereinander.

Es ist nämlich nicht nur eine Frage der sog „political correctness“, wenn man jemanden (nicht) apostrophiert, sondern unmittelbare Folge jenes kategorischen Imperativs, der, wie die (Unbestimmtheit der) Würde, nicht widerlegte Allgemeingültigkeit besitzt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Bereits in diesem Satz verbindet sich die Achtung des Menschen als solchem mit einem Handlungsgebot. Ausdruck einer tiefen Einsicht in die Natur des menschlichen Geistes mit all seinen Implikationen wäre er sinnvoller Weise Leitmotiv gegen die Gier der finanziellen Abräumer im freien Spiel der Märkte, aber auch gegen die mittlerweile zum Standardrepertoire der Unterhaltungsverdummung gehörenden Erniedrigungsshows: Wer sich selbst nicht achtet, braucht sich über Verachtung nicht zu wundern. Gerade die Handlungsmaxime ist es, die unser Leben, aber vor allem das Leben in einer Demokratie heutiger Prägung so schwer und umso erstrebenswerter macht. Es bedeutet, sich selbst zu erkennen und die Rolle, die jeder Einzelne gegenüber, nein, besser: mit der Gemeinschaft spielt.

Die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft ist jeden Tag Herausforderungen ausgesetzt. Nicht nur dann, wenn Häuser brennen, ist daran zu erinnern, dass nicht die Würde „des Deutschen“, sondern „des Menschen“ geschützt ist. Es ist vielmehr auch jedem Machtausübenden ins Stammbuch zu schreiben, dass es entwürdigend ist, unter den Generalverdacht gestellt zu werden, ein potentieller Rechtsbrecher zu sein, ganz gleich ob sich das in einer Sammelwut von Daten oder in der Verletzung des Intim- und Privatbereich der Wohnung ausdrückt. Denn das macht den Unterschied aus zwischen einem freiheitlichen und einem autoritären Staatswesen. In dem einen definiert der Mensch selbst die Grenzen des Zumutbaren, in dem anderen wird ihm die Entscheidung abgenommen.

Deswegen ist die „Würde“ nicht nur der Rahmen, sondern auch eine Bürde, eine Hypothek für jeden Einzelnen. Zu bestimmen, wo seine eigene beginnt, die eines anderen zu berühren, setzt Einsichtsfähigkeit voraus und den Mut, für eigene Belange einzustehen. Und für die der anderen, derer, die zu krank oder zu schwach sind, sich wehren zu können oder die einfach nicht über die Fingerfertigkeit in Wort und Schrift verfügen wie so manche, die sich selbst als Eliten einstufen.

(versione italiana qui)

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Written by ed2murrow

23. Mai 2009 um 12:02

Veröffentlicht in Deutschland

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