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Momentaufnahme Italien – Wie man einen Journalisten (auch in Deutschland) ignoriert

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foto_1Sein Name ist Programm. Travaglio ist auf italienisch die Zeit, die jede Frau bei der Geburt ihres Kindes durchleidet, der Schmerz, die Ängste und die Erleichterung, dass alles drum und dran ist an der Frucht ihres Leibes. Seit mehr als dreißig Jahren leidet und erfreut sich Marco Travaglio an seinem Kind, dem medialen Italien. Dafür erhielt er nun am 28. April im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin den DJV-Preis der Pressefreiheit 2009. Italienische Zeitungen haben darüber nicht berichtet, deutsche auch nicht.

Was letztlich kein Wunder ist, denn wirklich unbequeme Journalisten werden fein säuberlich in Randschubladen abgelegt, auf dass sie sonnigen Chefredakteuren, zumal solchen italienischer Provenienz, nicht das Gemüt trüben. Das aber tut Travaglio mit viel Liebe zum Detail. Etwa mit dem Buch „L’odore dei soldi“, das er zusammen mit dem Co-Autor Elio Veltri 2001 auf den Markt brachte. Als er in einem Fernsehinterview am 14. März 2001 im staatlichen Sender RAI aus dem Buch zitierte, wurde er umgehend mit Zivilklagen mit einem Gesamtwert von mehr als 150 Millionen damaliger Mark unter anderem von dem jetzigen Ministerpräsidenten Berlusconi, von seinen Gesellschaften Mediaset und Finininvest sowie diversen anderen Politikern überzogen. Den Klägern blieb gar nichts anderes übrig, ging das Autorenduo doch akribisch der Frage nach, wie und woher der Cavaliere sein Geld erhielt, um eine Karriere vom ambulanten Staubsaugerverkäufer und Gelegenheitsanimateur zum mächtigen Politiker und Wirtschaftsboss zu starten. Dabei wurden nicht nur Originaldokumente über finanzielle Bewegungen innerhalb des Finanzimperiums von Berlusconi analysiert. Vielmehr erfuhr die interessierte Öffentlichkeit, dass im letzten Interview zwei Monate vor seinem gewaltsamen Tod (und zwei Tage vor dem tödlichen Attentat auf dessen Kollegen Giovanni Falcone) der Mafiaermittler Paolo Borsellino den Medientycoon als „Gegenstand von Ermittlungen“ einstufte. Zwei Prozesse hat Berlusconi gegen Travaglio mittlerweile definitiv verloren, mehr als einhundertfünfzigtausend Euro Kosten wurden dem Ministerpräsidenten auferlegt.

Doch das sind Peanuts verglichen mit dem Versuch, diesen engagierten, präzis formulierenden und, Sakrileg im katholischen Italien, calvinistisch anmutenden Journalisten in seinem eigenen Arbeitsfeld auszubremsen. Ob es sich um die ganz simple journalistische Freiheit der Berichterstattung handelt, aus öffentlichen Prozessakten zu zitieren, oder ob es um die Beschreibung eines dubiosen Direktors des Staatssenders RAI geht: Travaglio wird mit Auftrittsverboten in den betreffenden Sendern belegt und/oder vor Gericht gezerrt, frei nach dem Motto – „Irgendwann bricht er schon zusammen“. Dass er dabei nicht unbedingt die ungeteilten Sympathien seiner Berufskollegen genießt, erschließt sich spätestens in dem Kapitel „Der transgenische Journalismus“ in seinem Buch „La scomparsa dei fatti“ (etwa: Das Aussterben der Tatsachen) von 2006. Wo er die schreibenden Zunftvertreter als „Kartenleger“, „simple Pressesprecher“, „besoldete Spione von Geheimdiensten“ nebst Namen und Quellen nennt, stellt er einen Aphorismus seines Mentors Indro Montanelli, dem Gründervater des modernen italienischen Journalismus voran: „In vielen Fällen ist die Knechtschaft nicht ein gewaltsamer Akt der Herren, sondern eine Versuchung der Knechte“. Da dürften auch einigen Auslandskorrespondenten arrivierter deutscher Blätter die Ohren klingeln, die die politische Landschaft Italiens als Sammelsurium von Anekdötchen und Kuriositäten beschreiben und im übrigen Bücher über ihre Ankunft in Rom gnädig dem kulturbeflissenen Publikum zum Fraße vorwerfen.

Marco Travaglio, Jahrgang 1964, ist keine tragische Figur à la Roberto Saviano, der als unbeschriebenes Blatt mächtige Namen auf Papier fixierte, deshalb unter Polizeieskorte im Untergrund lebt und sich als Hype eignet. Er ist ein wahrer Arbeiter, der sich und andere nicht schont, sich die richtigen und wichtigen Feinde gemacht hat, statt larmoyant sein selbst gewähltes Schicksal zu beklagen. Und daher stimmt die Laudatio des DJV-Bundesvorsitzenden Michael Konken: „Wir zeichnen Sie heute für Ihre Beharrlichkeit aus, Kritik auch noch dann zu üben, wenn andere es längst aufgegeben haben; dafür, dass Sie sich über Jahrzehnte als eine der wenigen unabhängigen Stimmen Ihres Landes behauptet haben, und dafür, dass Sie den Kampf für die Pressefreiheit in Italien auch nach 15 Jahren Berlusconi-Herrschaft nicht aufgegeben haben. Allen widrigen Umständen zum Trotz.“

veröffentlicht unter: Momentaufnahme Italien

(versione italiana qui)

http://www.marcotravaglio.it/
http://www.voglioscendere.ilcannocchiale.it/

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Written by ed2murrow

1. Mai 2009 um 16:31

Veröffentlicht in Journalismus, Kultur, Momentaufnahme Italien

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